Fußballabenteuer an der Stamford Bridge – oder wie Bayernfans in London schikaniert wurden

Von einem jungen Bayern Fan

Bayern auswärts anschauen, davor in einer Metropole wie London Sehenswürdigkeiten auf sich wirken lassen und bei Fish & Chips und einer Halben auf den Abend freuen – klingt gut? Ist es auch! Dasselbe haben sich viele Bayern Fans und Freunde von mir genau wie ich selbst gedacht, als die Champions League Auslosung im Dezember 2019 unserem FC Bayern das Los Chelsea London beschert hat. Keine halbe Stunde nach der Ziehung haben sowohl ich als auch einige Mitstreiter Flüge (und Hotelübernachtungen) deswegen gebucht, damit man mit einem möglichst günstigen Preis in die britische Hauptstadt und wieder zurückkommt. Nur die allerwenigsten hatten durch eine Auswärtsdauerkarte schon Gewissheit, sicher ins Stadion zu kommen – zu dieser Minderheit gehöre ich leider nicht, da ich terminlich und finanziell bedingt nicht sicher bei jedem Auswärtsspiel sein kann.  Aber na gut, noch keine Karte, das wird sich hoffentlich noch ändern.

Die Zuteilungswelle (oder soll ich sie vielleicht treffender als Absagenwelle bezeichnen) ergab wenig bis nichts Positives: Nur die allerwenigsten – beziehungsweise fast gar keiner – aus meinem Freundeskreis (alle Fanszene bzw. Umfeld oder in Fanclubs organisiert) haben Karten bekommen. Was ich so gehört und mitbekommen habe, lässt sich eine Logik bei der Zuteilung wieder mal nicht finden. Naja, Flüge und Hotel waren ja alles schon gebucht, jetzt heißts weitersuchen.

Die Ticketsuche führte mich, nachdem mir alle Freunde und Bekannte keine Hilfe geben konnten, in sämtliche Foren des Internets zum Thema FC Bayern und endete schließlich damit, dass mir ein netter Bayern Fan einen Tag vor dem Spiel ein Ticket im Heimbereich angeboten hat und ich somit wenigstens ins Stadion gehen konnte. Dazu muss man sagen, dass ich liebend gern in den Gästeblock gegangen wäre, was jedoch wegen der komplett überlasteten Kartensituation (nur 1853 Karten laut der Webseite des FC Bayern für Bayernfans) komplett utopisch war. Also na gut, dachte ich mir, kaufe ich einfach diese Karte, obwohl die Karte vorsichtig ausgedrückt, nicht wirklich billig war, und geh halt mit neutraler Kleidung in den Heimbereich. Schließlich sitzen bei uns in München immer etliche Gästefans im Heimbereich und das sehr oft nicht neutral.

Der Spieltag selbst begann traumhaft, Petrus hatte uns Sonnenschein und gutes Wetter für einen entspannten Trip durch London geschickt. Ich persönlich habe mich auf die Spuren von 2013 begeben und bin zum Wembley Stadium rausgefahren, wo allein der Anblick dieses Stadions Gänsehaut und ein Grinsen im Gesicht jedes Roten hervorruft. Nach einem Spaziergang am Piccadilly Circus und Leicester Square vorbei bis hin zur London Bridge (übrigens bei schönem Wetter sehr empfehlenswert) gab es am Borough Market Fish & Chips. Dieser Lebensmittelmarkt ist einer der schönsten in London und hat etliche Stände mit Streetfood und ähnlichem. Mit mehreren anderen Bayernfans habe ich dann ein bayrisches Lokal im Herzen Londons an der Liverpool Street gefunden, in dem man auch in England mit dem ein oder anderen Tegernseer oder Paulaner auf den FC Bayern anstoßen hat können. Dann gings nochmal ins Hotel, um sich neutral anzuziehen und die FC Bayern Sachen im Hotel zu lassen oder in der Jacke zu verstecken.

Zur Stamford Bridge konnte ich vom Hotel aus zu Fuß laufen, war allerdings schon angespannt, ob ich trotz neutraler Kleidung und gültigem Ticket überhaupt ins Stadion komme. Letzte Hoffnungen auf einen möglichen Tausch in den Gästeblock waren beim Anblick der Masse an Bayern Fans, die noch gesucht haben, schnell verflogen.

Um sicher reinzukommen, habe ich mir als Tarnung einen Matchday-Schal im Chelsea Shop vorm Stadion geholt und diesen dann auch in der hässlichen blauen Papiertüte gelassen.  Angespannter Weise gings schließlich um kurz vor 7 britischer Zeit ins Stadion, wobei sich die Kontrollen als die wahrscheinlichst schwächsten herausgestellt haben, die ich bisher erleben konnte.

Im Stadion gings dann direkt in den Block, dieser war auf derselben kurzen Gerade wie der Gästeblock (Shed End) nur auf der anderen Seite der Eckfahne im Unterrang. Dadurch, dass zu dieser Zeit noch kaum Leute im Block waren und ich eine rot-weiße Eisbärmütze (allerdings komplett ohne Bayernlogo) aufhatte, fiel ich schnell ins Blickfeld der Ordner. Ein junger Ordner hat mich dann direkt angesprochen und gefragt, welche Mannschaft ich anfeuern würde, woraufhin ich ihm erstmals gespielterweise „What?“ entgegengebracht habe, als würde ich ihn nicht verstehen. In dem Moment war mir schnell klar, dass, sollte ich jetzt wahrheitsgemäß mit „FC Bayern“ antworten, der Ordner die Weisung gehabt hätte, mich aus dem Stadion zu werfen. Dementsprechend nervös war ich in dieser Situation, welche sich erstmal verschärft hatte, da der Ordner nicht lockergelassen hat und die Frage mehrmals wiederholt hat. Erst nach dem gefühlt 20. Mal hat er nur „Ok“ geantwortet und mich in Ruhe gelassen. Kurze Phase der Entspannung. Dann wiederholte sich dieselbe Situation mit einem anderen jungen Ordner, der allerdings ähnlich wie der andere Ordner mich nach demselben Frage-Antwort-Spiel in Ruhe gelassen hat. Mir war nicht klar, ob sie mich wirklich bis Spielende im Block lassen würden, zumal manchmal ihre Chefin vorbeigeschaut hat und, wenn ichs richtig verstanden habe, sie angewiesen hat, Bayern Fans rauszuschmeißen. Naja, abwarten und bisserl mehr aufs Spiel freuen, war jetzt die Devise.

Zu Spielbeginn war dann der Block komplett voll und bei Heim-Gesängen haben, wie es schien, fast alle mitgemacht außer mir natürlich. Bei der Choreo auf der Gegenseite, die fast komplett unsere von 2012 in extrem schlechter Art und Weise kopiert hat, musste ich mich arg zusammenreißen, nicht wutentbrannt gegen Chelsea zu schreien. Ebenso bei fast in 10 Minuten Takt wiederkehrenden Gesängen, die uns an das CL-Finale von 2012 erinnern sollten. Die Herausforderung, nicht zu laut die Bayern Gesänge mitzusingen und das Spiel fast teilnahmslos anzuschauen, habe ich über weite Strecken fast sehr gut auf die Reihe bekommen.

In der ersten Halbzeit war dann wegen den fehlenden Toren auch keine große Herausforderung mehr dabei. Ich wurde langsam lockerer, weil ich mittlerweile gemerkt habe, dass die beiden Ordner, die die ganze Zeit unmittelbar neben mir gestanden sind und wahrscheinlich die ganze Zeit schon wussten, dass ich Bayern und kein Chelsea Fan bin, keine Lust hatten (übrigens auch später nicht mehr), mich des Stadions zu verweisen. Thank you very much, mal an der Stelle. Unwohl wars mir dann wieder, als sich zur Halbzeitpause drei-vier Reihen vor mir ein Mann umdreht hat (offensichtlich ein Deutscher, der mit Kumpels da war, und Bayern Gegner) und mir was wie „Bayernsch****e raus“ zugeschrien hat. Ich hab mich dann in der Halbzeit auf meinem Platz mit einem Chelsea Anhänger und Dauerkartenbesitzer hinter mir unterhalten, der mir gleich angedeutet hat niemanden zu verraten, dass ich Bayern Fan bin.

In der zweiten Halbzeit wurde es dann eine wahre Achterbahnfahrt, in der Bayern verdient mit 1:0 in Führung gegangen ist. Ich habe nur kurz in den Schal reingejubelt und gegrinst, während ich gemerkt habe, dass sich der Bayernhasser vor uns wieder umgedreht hat (jetzt hat der Depp Klarheit gehabt, dass ich Bayern Fan bin) und es im Stadion auf der langen Gerade sehr unruhig wurde. Das Grinsen ging schnell weg, während ich gemerkt habe, dass Chelsea Fans auf der Gerade in mehreren Blöcken neutral gekleidete Bayern Fans in fast allen Altersgruppen (auch weit über 50 jährige) bei den Ordnern angeschwärzt haben und die dann veranlasst wurden, diese Bayern Fans rauszuschmeißen. Das Bild war echt entsetzlich als beispielsweise drei Ordner gemeinsam einen schätzungsweise über 59 jährigen Mann rausgezerrt haben und sich dieses Szenario mehrmals wiederholt hat. Ähnlich lief es beim 2:0 ab. Beim 3:0 war der Jubel in mir sehr verhalten und ruhig, aus der Angst rausgeschmissen zu werden oder vielleicht alleine an die falschen Leute zu geraten, war ich ja quasi im „Feindesland“.

Der Bayern-Gegner aus Deutschland ging nach dem 3:0 mit seinen Kumpels aus dem Block, um dann 5 Minuten später wiederzukommen. Als wenn das dann Zufall sein könnte, kam schließlich die Chefin wieder zu meinen Ordnern und hat wieder irgendwas mit Bayern zu ihnen gesagt. Diese hatten anscheinend wieder keine Lust, zu mir was zu sagen. Wie allerdings die ohnehin schon sehr aufgeheizte Stimmung nach der roten Karte noch schlimmer wurde, bin ich aus Sicherheitsgründen (habe mich dort dann echt weder wohl noch sicher gefühlt) aus dem Stadion raus und in sehr schnellem Schritt zum Gästeblock gelaufen, um auf die anderen zu warten- das Spiel war ja mit 3:0 Gott sei Dank schon gewonnen.

Mein Gott, war ich froh, wie ich wieder bei meinen Leuten war, die dann aus dem Gästeblock kamen und später, wie ich wieder im Hotel war! Später habe ich dann erfahren, dass von den Leuten, mit denen ich zuvor im Wirtshaus war, fast alle, die auch im Heimbereich waren, rausgeschmissen wurden. Insgesamt müssen zirka 100 Bayern Fans trotz gültiger Karten aus dem Stadion geschmissen worden sein. Ich frage mich echt, muss das denn sein? Also dass man in Europa international Angst haben muss, um im Stadion bleiben zu dürfen, obwohl man dafür durch halb Europa fliegt. Warum gibt’s nicht mal 10% der Karten international für Gästefans? Fragen über Fragen.

Liebe Mitarbeiter beim FC Bayern,

wie wärs einfach mal damit ein Ticketsystem zu erstellen, bei dem nicht die am Ende die Deppen san, die immer zum Heimspiel gehen und so viel wie möglich auswärts fahren? Es kann doch nicht ernsthaft auch in ihrem Interesse sein, dass diejenigen, die Stimmung machen wollen, die die Mannschaft anfeuern wollen, die den Verein leben und lieben, wie es so schön in einem Lied heißt, sehr schwer oder im schlimmsten Fall gar nicht ins Stadion kommen !!! Grad in diesem Fall wäre ein System angebracht, bei dem Karten für wichtige und stark überlastete Heim- und Auswärtsspiele zuerst an die Leute ausgegeben wären, die sie auch verdient haben UND NICHT an FC Bayern Tours oder 50 andere Geschäftspartner, was durchaus fair wäre.

Außerdem wäre ein System ähnlich des Zweitmarkts für Auswärtsspiele meiner Meinung nach gut, würde auch hierbei die Chance geben, originale Karten online auf einer seriösen Seite für den Originalpreis weiterzuverkaufen. Ich hab keine Bayernfans vorm Stadion, im Hotel und am Flughafen getroffen, die für die Karten im Heimbereich weniger als 150 €(!!!) am Spieltag bezahlt haben. Deshalb wäre auch die Möglichkeit, auf offiziellem Wege an möglicherweise Tickets im neutraleren oder Heimbereich zu kommen, sollte man das einheitlich dulden, ein wichtiger Schritt zum Kampf gegen Leute, die nicht den Fußball lieben, sondern nur an Fußballfans, besonders Auswärtsfans international, Geld verdienen wollen.

Für Auswärtsfans sollte man entweder wie in England üblich in ganz Europa, alle Gäste konsequent aus dem Heimbereich verdrängen beziehungsweise in der Allianz Arena mal darauf achten, dass Leute, die sichtbar mit Trikot und Fankleidung in unsere Heimbereiche gehen, was immer wieder zu beobachten ist, nicht ins Stadion gelassen werden, so wie wir es umgekehrt auswärts auch erleben müssen. Die Alternative ist, dass man doch Leute, die sich neutral kleiden und maximal bei einem Tor für die eigenem Mannschaft mitjubeln, gefälligst in Ruhe lässt. Die feine englische Art beziehungsweise, was das auch immer sein soll, hab ich nicht mitbekommen – Leute teilweise zu dritt aus dem Block zerren auf der Geraden, nur weil man hinten liegt, geht’s noch?

In diesem Sinne wünsche ich von tiefstem Herzen, dass sich zum einen da mal was bewegt und alle die Lage erleichtert wird und zum anderen viel Erfolg allen Mannschaften, die aktuell gegen eine englische Mannschaft, bei denen ja diese Regeln so fanunfreundlich ausgelegt werden, in der Champions League spielen- get Brexit done!   

Veröffentlicht von gastautorfcbtotal

Gastautoren von FC Bayern Total

Ein Kommentar zu “Fußballabenteuer an der Stamford Bridge – oder wie Bayernfans in London schikaniert wurden

  1. Na dann lassen wir uns mal überraschen, ob der Verein seinen eigenen Fans und Mitglieder auch derart zur Seite springt wie gestern Hopp …

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