Fairplay! Kommentar zu den Ereignissen und Vorfällen in den Stadien in den vergangenen Tagen

Von Christian (junger FCB-Fan aus der Südkurve)

Fairplay – das ist eines der wichtigsten Grundsätze, die unseren Lieblingssport, den Fußball ausmachen. Nun war dieses Wort mit einem Hashtagzeichen versehen am Samstagabend von allen Spielern des FC Bayern im Internet auf ihren Social Media Profilen zu lesen gewesen. An einem Abend, an dem sich zuvor die Ereignisse überschlagen haben.

Ganz nüchtern betrachtet gab es im Gästeblock des Sinsheimer Stadions „nur“ zwei Spruchbandaktionen, eine von der Ultragruppierung Schickeria München und eine andere von der Gruppe Red Fanatic München. Es kam also weder zu Gewalt oder rassistischen Ausbrüchen, was übrigens auch und gerade von Seiten der Ultras massiv bekämpft worden wäre. Das brisante an beiden Spruchbandaktionen war die Beleidigung des Hoffenheimer Mäzens als „Hurensohn“, was aus meiner persönlichen Sicht weder sonderlich schlau noch gut zu heißen ist. Umgekehrt hätte kein anderer von uns Lust, sich ständig in aller Öffentlichkeit beleidigen zu lassen.

Ich habe persönlich am Samstag vorm Fernseher noch viel weniger verstanden, warum man mit einem zweiten Spruchband nochmal zusätzlich provoziert und hatte auch ernsthaft zum einen Sorgen, dass die Offiziellen unserer Mannschaft das übrigens richtig gute 6:0 wegnehmen würden, und zum anderen ehrlich gesagt auch Wut auf diejenigen, die unserem Verein da möglicherweise ernsthaften Schaden zufügen würden, was ja mit drei Punkten weniger im aktuellen Meisterschaftskampf nicht unerheblich gewesen wäre. „Das war doch klar, dass der DFB bei solchen Hopp-Beleidigungen das Spiel unterbrechen will. Denen hams doch ins Gehirn geschissen, dass die trotzdem sich unbedingt mit Dortmund solidarisieren müssen und vielleicht dem FC Bayern schaden.“ So war meine persönliche Haltung dazu am Samstagnachmittag, die durch die Berichterstattung von Sky befeuert wurde.

An den Drei-Stufen-Plan habe ich in dem Moment gar nicht mehr gedacht. Sachlich deeskalieren wollte an diesem Nachmittag niemand in den Medien, schon gar nicht Sky und die Springer Presse. Passend dazu gab es eine filmreife Inszenierung von Seiten des Vorstands und beider Mannschaften auf dem Rasen mit der Aussage, dass man geschlossen hinter Herrn Hopp steht und dem scheinbaren Angriff auf Herrn Hopp und die Gesellschaft zusammen bekämpfen will.

Gleichzeitig folgten dann neben Solidaritätsbekundungen für Herrn Hopp Forderungen nach Konsequenzen bis hin zu Stadionverbot  für die schuldigen „sogenannten Fans“, „Chaoten“ und „Idioten“ – Herr Rummenigge sprach gar in einer Stellungnahme vom „ganz hässliche[n] Gesicht des FC Bayern“- von den vordersten Reihen im FC Bayern Vorstand bis hin in die kleinsten Fanclub WhatsApp-Gruppen. Manche Medien trieben es sogar so weit, dass sie die Spruchbänder in die geistige Nähe des Attentäters von Hanau, was an Pietätlosigkeit und Populismus nicht zu überbieten ist. Fakt ist, dass sich die Diskussion extrem in eine Richtung bewegt hat, zu eskalieren drohte oder immer noch droht.

Heute denke ich ehrlich gesagt differenzierter als noch am Samstag dazu, nachdem ich mir in mehreren Gesprächen und Stellungsnahmen alle Positionen angehört und mich auch fachlich in dem Bereich eingelesen habe. Es ist und bleibt klar, dass die Beleidigung eines einzelnen Menschen als Hurensohn nicht hinzunehmen ist, schon gar nicht das Konterfei eines Menschen im Fadenkreuz (worauf die Bayern Ultras im Gegensatz zu anderen Ultra-Gruppierungen verzichtet haben). Das hat weder etwas mit sachlicher Kritik noch mit geschickter Provokation zu tun.

Allerdings muss man generell das Feuer aus der Diskussion nehmen, da man ja eigentlich ein vernünftiges Miteinander wollen sollte und auch braucht: Die Ultras brauchen ihren Verein und der Verein sowie die ganze Fankultur braucht die Ultras. Bei aller Eskalation und Überschlagen der Ereignisse muss man klar darauf hinweisen, dass gerade durch die Ultras in der Kurve und im Stadion Rechtsextreme und Rassisten keine Chance mehr haben. Eine Gleichstellung mit Hanau und Verweis auf ganz dunkle Zeiten ist absolut fehl am Platz.

Ich persönlich finde das Engagement von Seiten des DFB und der Vereine gegen Hass, Hetze und Rassismus sehr gut und lobenswert, kann aber nicht so ganz nachvollziehen, warum das erst bei der Beleidigung des DFB Sponsors und SAP-Gründers Dietmar Hopp so drastisch durchgezogen wird und nicht schon bei den Fällen von Leroy Kwadwo (Würzburger Kickers) und Jordan Torunarigha (Hertha BSC Berlin). Letztere Fälle waren wirklich rassistische Angriffe auf die Grundfeste des Fußballs, die keiner so einfach hinnehmen darf. Hierbei gab es aber nicht die Androhung eines Spielabbruchs. Wenn der DFB hier nicht in Zukunft härter durchgreift, muss er sich den Vorwurf der Doppelmoral absolut gefallen lassen.

Womit wir bei denjenigen wären, die eine massive Schuld daran haben, dass die Situation am Samstag überhaupt so entstanden ist: Den Verantwortlichen im Deutschen Fußballbund. Die Diffamierung von Herrn Hopp als „Hurensohn“ von Seiten der Ultras ist der Tatsache geschuldet, dass die Dortmunder Fanszene nach der Verwendung dieser Beleidigung einen kollektiven Zuschauerausschluss für deren Auswärtsspiele in Sinsheim für die nächsten Spielzeiten bekommen hat – und das, obwohl der DFB unter Präsident Grindel diese Kollektivstrafen abgeschafft hat.

Ich bin kein Freund der Beleidigung eines einzelnen Menschen, aber Manuel Neuer, Timo Werner und viele andere werden sehr oft mit denselben Worten beleidigt, allerdings kam da noch nie eine Aktion – weil es auch keiner für nötig gehalten hat. Im Gegenteil: Nach dem Pokalspiel auf Schalke lobte Manuel Neuer die Stimmung im Stadion, obwohl er von Seiten der Nordkurve wie immer nicht freundlich empfangen wurde. Niemand würde da jetzt auf die Idee kommen, Stadionverbote zu fordern – am wenigsten Manuel Neuer- oder ist da etwa jetzt die Anti-Hass-Kommission bei der Arbeit(😉)?! Gerade Kollektivstrafen sind mit unserem normalen Rechtstaatsverständnis nicht zu vereinbaren, da durch diese immer auch unbeteiligte bestraft werden.

Ein bisserl mehr Deeskalation und verhältnismäßiges Handeln würde uns allen guttun – da muss ich mich sicher auch an die eigene Nase fassen. Ein Runder Tisch, an den sich alle Beteiligten setzen, sollte meiner Meinung nach durchaus die Schärfe aus dem Konflikt nehmen können. Gerade Medienvertreter sollten sich darauf besinnen, was guten und seriösen Journalismus ausmacht. Da wäre auch ein bisserl mehr Fairplay gut.

Richtung Ultras kann ich nur sagen: Ich verstehe es, was Ihr aussagen wollt und dass ihr durchaus auch mal provozieren müsst, um gehört zu werden. Allerdings gibt es eine Grenze zwischen (witziger) Provokation und persönlicher Beleidigung. Wenn diese nicht überschritten wird, dann wird der Protest vielleicht noch deutlich besser und positiver von allen Fans und Vereinen aufgenommen.

An alle Bayern-Fans möchte ich damit appellieren, dass unsere Südkurve und damit das Herz und die Seele unseres Vereins nur dann den Verein zu großartigen Leistungen fördern kann, wenn wir dabei alle zusammenhalten. „Ultras raus“-Rufe oder sondergleichen haben im Stadion genauso wenig verloren wie beleidigende Banner.

Schließlich sorgen die Ultras nicht nur für Stimmung in der Kurve oder Feiern wie die Südkurvenfeier oder die 120-Jahre-FC-Bayern-Feier, sondern eigentlich auch dafür, dass im Stadion Rassismus und Antisemitismus keinen Platz haben. Ich erinnere nur mal an die Erinnerungskultur für Kurt Landauer. Wenn alle zusammen gemeinsam den FC Bayern anfeuern und sich darauf konzentrieren, dann kann die Stimmung auch mal so gut sein, wie am Dienstag auf Schalke.

In diesem Sinne: Gestern noch in Kiew, morgen schon in Wien, ZUSAMMENHALTEN das ist unser Ziel! Wir sind aus München, wir sind die BAYERN, wir sind diejenigen, die immer wieder feiern!


Dies ist kein Beitrag von FC Bayern Total selbst. Jedoch ist es unser ausdrücklicher Wunsch, dass FCB-Fans mit unterschiedlichsten Meinungen hier unzensiert kommunizieren können. Vom „Normalo“ zur Kutte zum Ultra darf hier jeder seine Meinung kundtun, solange sie in einem anständigen Wortlaut vorgetragen wird.

Veröffentlicht von gastautorfcbtotal

Gastautoren von FC Bayern Total

4 Kommentare zu „Fairplay! Kommentar zu den Ereignissen und Vorfällen in den Stadien in den vergangenen Tagen

  1. Guter Beitrag, gefällt mir!

    Viele eingefleischte FCB-Fans haben sicherlich spontan bei den Aktionen so gedacht.

    Aber schön, wenn man durch „vernünftige Informierung“ über seinen eigenen Tellerrand hinaus schauen kann.

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  2. Gibt es irgendwo die Möglichkeit, sich die beiden Urteile des DFB-Sportgerichts (Das „Urteil auf Bewährung“ und den „Bewährungswiderruf“) mal durchzulesen? Vor allem interessiert mich, was denn die Strafe G_E_N_A_U besagt. Klar ist für mich, dass Partei des Urteils der Verein BVB ist (und nicht die Fans des BVB oder gar deren „Süd“). Ich vermute, das Urteil läuft darauf hinaus, dass der BVB für diese zwei Jahre keine Eintrittskarten für den Gästeblock bekommt, dieser sogar leer bleiben wird und dass der BVB 1899 den entgangenen Gewinn zu ersetzen hat.

    Aber was heißt es weiter für diejenigen, die sich eine Karte auf dem freien Markt kaufen wollen? Ist das auch „verboten“ (wohl kaum, denn wie soll der BVB das durchsetzen bzw. dafür geradestehen). Und wenn man so eine Karte ergattert hat, was muss man dann anziehen? Jeans und Turnschuhe oder ginge auch schwarzgelb?

    Warum ich das frage: Der Entzug des Auswärtskontingents wäre m.E. noch keine echte Kollektivstrafe. Das Verbot an den 08/15-Fan, auf einem x-beliebigen Sitzplatz sein schwarzgelbes Sitzpolster auszupacken allerdings schon.

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    1. @ Wipf: Es geht hier eigentlich nicht um juristische Spitzfindigkeiten. Dies sollte auch aus den letzten Statements des DFB und der DFL hervorgehen, die – wenn auch auf dezente Weise – eigene Fehler eingestanden haben und die Argumente der Fanszenen inhaltlich nicht korrigiert haben.

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