Unruhe bei den Bayernfans – trotz einer bislang wirklich starken Saison

Die Bayern spielen zuhause 3:3 gegen RB Leipzig, bleiben Tabellenführer und trotzdem werden die Spieler auf den Social Media Seiten von nicht wenigen eigenen Fans scharf kritisiert. Wie berechtigt ist diese Reaktion?

Fantastische letzte 12 Monate trotz schwierigster Umstände

Viele Kritiker scheinen vergessen zu haben, wo die Bayern vor exakt 12 Monaten, wenige Wochen nach der Übernahme des Cheftrainerpostens durch Hansi Flick, standen: Auf Rang 7 (SIEBEN!) der Bundesligatabelle, nach einer unglücklichen Last-Minute-Niederlage bei Borussia Mönchengladbach, welches nach jenem 14. Spieltag satte sieben Punkte Vorsprung auf den scheinbar abgeschlagenen Rekordmeister aufwies.

Was darauf folgte, ist legendär und muss eigentlich nicht mehr aufgezählt werden: Meisterschaft – Pokalsieg – Champions League Sieg / Triple – Europäischer Supercup-Sieg- Deutscher Supercup-Sieg. Und all dies unter schwierigsten Umständen: Zweimonatige Spielunterbrechung von Mitte März bis Mitte Mai. Nationales Saisonende (Pokalfinale) Anfang Juli – kurze Sommerpause – Champions League Finalturnier August – eine weitere noch kürzere Pause – Saisonstart 2020/21 fast ohne Vorbereitung und sofort mit englischen Wochen aufgrund der Supercup-Spiele. Aufgrund von zusätzlichen acht Länderspielen für alle Nationen werden seit September ausschließlich englische Wochen gespielt.

Hansi Flicks Team war beim Restart im Mai und beim CL-Finalturnier eine sensationell eingespielte harmonische homogene Truppe. Aber wie sollte bislang unter diesen Bedingungen eine ähnliche Situation nur ansatzweise wieder hergestellt werden? Die fast ausnahmslos spät verpflichteten Spieler hatten bislang keine Chance, vernünftig in das Spielsystem integriert zu werden.

Sensationelle Serien in der Saison 2019/20 und 2020/21

Seit jener Niederlage in Gladbach genau heute vor einem Jahr haben die Bayern wettbewerbsübergreifend genau eine einzige Niederlage erlitten: Knapp drei Tage nach den 120 Minuten im Europäischen Supercupfinale in Budapest gegen den FC Sevilla verlor man gegen eine sich zum damaligen Zeitpunkt in Bestform befindliche Hoffenheimer Mannschaft mit 1:4. Bis dahin gab es in über einem Dreivierteljahr lediglich ein einziges Unentschieden (0:0 gegen RB), ansonsten ausschließlich Siege.

Auch ist die Bilanz in der aktuellen Saison wettbewerbsübergreifend hervorragend: 18 Spiele – 14 Siege / 3 Unentschieden / 1 Niederlage – 58:24 Tore.

Aktuelle BL- und CL-Tabelle

Mentalitätsmonster

Vieles läuft aus den erwähnten Gründen tatsächlich noch nicht so rund wie bis zum CL-Finale. Wenn aber eines zu 110% stimmt, dann ist es die Einstellung, die Moral der gesamten Truppe. Denn in den letzten vier BL-Spielen lag die Mannschaft immer mit 0:1 zurück, verlor aber keines dieser Matches: 3:2 in Dortmund; 1:1 gegen Werder; 3:1 in Stuttgart und nun 3:3 gegen Leipzig (nach einem weiteren 2:3-Rückstand). Nimmt man die letzten drei CL-Partien hinzu, erhöht sich die Zahl der 0:1-Rückstände auf sechs von sieben der letzten Pflichtspiele: Auch in Salzburg drehte man das Spiel (6:2) und auch der spanische Tabellenführer Atlético Madrid konnte eine extrem veränderte FCB-Mannschaft nicht schlagen (1:1).

Kritikpunkte

58 geschossene Tore in 18 Spielen sind einsame Spitzenklasse in ganz Europa – aber 24 Gegentore natürlich auf den ersten Blick sehr bedenklich. Vor allem das BL-Torverhältnis von aktuell 34:16 nach nur 10 Spieltagen zeigt ganz offensichtlich die aktuellen Stärken und Schwächen der Mannschaft auf.

So ist es nicht so verwunderlich, dass weniger die Offensive als vielmehr die Defensive im Zentrum der Kritik steht. Außer Manuel Neuer und dem verletzte Alphonso Davies (welcher aber vor seiner Verletzung auch noch nicht in Topform war) wird kein Spieler verschont.

Schon vor dem Leipzig-Spiel hatte Lucas Hernández sein Fett abbekommen, weil er offensiv(!) nicht das Potenzial des gelernten Stürmer Davies hätte. Für Statistiker: Mit Hernández verloren die Bayern noch nie ein Spiel. Gegen RB fehlte er verletzt.

Seinen französischen Landsleuten Benjamin Pavard und Bouna Sarr ergeht es aktuell keineswegs besser, im Gegenteil. Im Zentrum der Kritik steht jedoch die Innenverteidigung.

Ein paar gesammelte Facebook-Zitate von FCB-Fans nach dem 3:3 gegen Leipzig:

„Ich denke, wir brauchen eine neue Innenverteidigung. Das geht nicht mehr so weiter!“

„Den Süle verkaufen! Der hat einen Aktionsradius wie ein AH Spieler, wobei ich keinen von der AH beleidigen möchte!“

„Ich war erschüttert, dass Süle beim 2:3 die ganze Zeit im lockeren Dauerlauf durch den Strafraum lief und offensichtlich mental gar nicht dabei war. Leider nicht das erste Mal, dass er das Spiel nicht lesen kann (oder platt ist).“

„Süle ist und bleibt ein Fliegenfratz.“ (Was auch immer das bedeuten soll)

„Süle und Boateng sind einfach zu langsam.“

„Das war doch vorhersehbar, wenn du einen Alaba, der wechseln wird, zum Stammspieler erklärst und vor Spieler stellst, die dem Club treu sind. Was liefert denn Alaba?“

 „David ist Mittelmaß, der ist mehr mit Geld beschäftigt und Josh ist der beste in Europa.

„Einer pokert um den Vertrag, ging in die Hose. Der nächste bekommt keinen Vertrag mehr. Und der Dritte wird als unprofessionell dargestellt. Wie sollen die sich aktuell motivieren?“  (Das sollen wohl in dieser Reihenfolge die Herren Alaba, Boateng und Süle sein)

„Die sollen ihnen endlich neue Verträge geben: Süle, Boateng und Alaba und fertig! Dass Kahn so reagiert, verstehe ich nicht, dass Kalle und vor allem Brazzo weg müssen, ist schon lange Zeit klar!“

„Eventuell hätte man Lukas Mai und Adrian Fein behalten und nicht ausleihen sollen … junge Kerle, die rennen können!“

„Diese grottenschlechte Leistung von allen außer Müller, Musiala und Coman sollte Flick zur Weißglut bringen, so geht das gar nicht und das schon einige Spieltage, von den gefürchteten Bayern ist nicht mehr allzu viel übrig geblieben!“

Erklärungen

Wie ist diese Abwehrleistung zu erklären, welche Hansi Flick wohl hauptsächlich gemeint hat, als er zum Spielfazit kam: „Es war ein wildes Spiel!“?

Ein paar Erklärungsansätze:

  • In den bisherigen 18 Saisonpflichtspielen spielten Flicks Bayern noch nie mit derselben Vierer-Abwehrkette wie im Spiel zuvor. Links lösten sich Davies, Hernández, Sarr und gegen RB Alaba ab; rechts Pavard, Sarr und Richards. In der Innenverteidigung gilt aktuell David Alaba als klarer Chef, neben ihm auf der rechten IV-Position wechselten sich Boateng und Süle ab, in Stuttgart kam für den angeschlagenen Boateng erstmals Neuzugang Nianzou ins Spiel.
  • Alle(!) genannten Spieler fehlten in der noch verhältnismäßig jungen Saison bereits einmal oder häufiger verletzungsbedingt. Nachdem Davies und Hernández gegen RB nicht auflaufen konnten, musste Alaba auf seiner früheren Stammposition aushelfen. Damit spielte die IV des FCB zum ersten Mal in einem wichtigen Saisonspiel ohne den Abwehrchef in der IV.
  • Die ersten beiden Tore der Leipziger waren sensationell herausgespielt und kaum zu verteidigen. Dies galt beim Spitzenspiel übrigens auch für alle Bayerntore. Beim dritten Gegentor durch Forsberg zum sehr ungünstigen Zeitpunkt direkt nach der Pause waren dagegen die Herren Boateng und Süle tatsächlich in einem unerklärlichen Tiefschlaf.
  • Für die Defensivleistung sind nicht ausschließlich die Abwehrspieler zuständig. Diese beginnt bereits ganz vorne. Dasselbe gilt übrigens auch für die Offensivleistung andersherum. Insgesamt haben die Bayern ein sehr offensiv ausgelegtes System. 50 Tore in 10 BL-Spielen mit Bayernbeteiligung sind dafür ein klares Indiz. Stellvertretend für das offensive Bayernspiel stand am Samstagabend im negativen Sinne das 0:1: Nach einem bayerischen Fehlpass in das Sturmzentrum, schalteten die Leipziger in rasender Geschwindigkeit um und überspielten in gefühlten 2,5 Sekunden das gesamte Mittelfeld der Bayern. Die Innenverteidiger waren überrumpelt, Neuer kam zu spät.
  • Man sollte nicht alles auf den mittlerweile bedauernswerten Jogi Löw abwälzen. Jedoch ist die aktuelle (Abwärts-)Tendenz tatsächlich erst nach dem 0:6 unserer Nationalkicker in Spanien aufgetreten. Einige FCB-Nationalspieler haben nach jener Schlappe ein bisschen den Faden verloren: Süle, Goretzka, Sané, Gnabry.
  • „Schlüsselspieler“ Joshua Kimmich: Als Führungsspieler, Motivator, Antreiber, Torschütze von wichtigen Toren, Stabilisator im defensiven Mittelfeld zur Entlastung des Abwehrverbundes fehlt er sowohl in der N11 wie auch beim FCB erheblich. Komm baldmöglichst zurück, Joshua!

Hoffnungen der Bayern

Übersteht Hansis Team die restlichen vier Spiele (3 BL; 1 CL) vor der dieses Mal nur sehr kurzen Weihnachtspause, können die Spieler erst einmal, wenn auch nur kurz, durchschnaufen. Bis zu den Länderspielen im März können sich die Spieler ausschließlich auf den Verein konzentrieren und bislang nicht einstudiertes Spielverständnis (Stichwort Neuzugänge) kann nachgeholt werden. Im ganzen Januar haben alle Bundesligisten eine gleiche bis ähnliche Spielbelastung. Der Wahnsinn beginnt dann erst wieder im Februar, wenn die Bayern am 8. und 11. in Katar um die Klub-WM spielen – dies wohl, ohne dass ein einziger BL-Spieltag abgesagt wird. Die Aussicht auf das „Sextuple“ sollte aber noch einmal zusätzliches Adrenalin bei den Spielern freisetzen.

Saisonaussicht

In dieser ganz speziellen Saison 2020/21 wird sich am Ende derjenige durchsetzen, der sich abermals auf alle Unwegbarkeiten am besten einstellen kann. Dies gilt wie in der letzten Triplesaison für alle Wettbewerbe. Die Bayern werden – auch dank ihres Welttorhüters – ihre Abwehrleistungen wieder stabilisieren und zählen erneut in allen Wettbewerben zu den Topfavoriten. Eine weitere höchst spannende Saison steht erst am Anfang.

AUF GEHT´S MENTALITÄTSMONSTER!!!

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

2 Kommentare zu „Unruhe bei den Bayernfans – trotz einer bislang wirklich starken Saison

  1. Wieder einmal ein sehr sehr guter interessanter „Petersgradmesser“ 😉 😉

    Unglaublich, was manchmal mit den eigenen „Fans“ los ist … Ich habe ähnliches gelesen und mich maßlos darüber geärgert )-:

    Wenn man dann noch bedenkt, dass es auch noch eine FCB-Fanszene gibt, welcher die Überlegenheit der eigenen Mannschaft ein Dorn im Auge ist und die lieber andere Vereine (finanziell) unterstützen würden …

    Verkehrte Welt: Das wohl beste erfolgreichste Jahr der Vereinsgeschichte und sehr viele eigene Fans scheinen nicht zufrieden – aus unterschiedlichen Gründen!

    Ist in meinem persönlichen FCB-Umfeld allerdings glücklicherweise anders. Da wird die Mannschaft (der Verein) schon das ganze Jahr gefeiert!!!!

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