Bayern gegen Dortmund – DAS Prestigeduell im deutschen Fußball

Wenn heute Abend beim Duell der Dauerrivalen des letzten Vierteljahrhunderts die Bayern Borussia Dortmund am 24. Bundesligaspieltag der Saison 2020/21 empfangen, dann ist dies durchaus überraschend kein Aufeinandertreffen von zwei aktuellen Titelkandidaten. Anders als noch beim Hinspiel in Dortmund, als der punktgleiche Tabellenzweite BVB den Spitzenreiter aus München begrüßte, trennen beide Teams mittlerweile satte 13 Punkte. Trotzdem bleibt diese Partie ein großes Prestigeduell, wohl DAS Prestigeduell im deutschen Fußball, weswegen immer wieder der Begriff „deutscher Clásico“ in diesem Zusammenhang auftaucht. Zudem müssen sich die Bayern des Angriffs der in den letzten Wochen enorm starken Leipziger erwehren. Gewinnen diese am Nachmittag bei den allerdings auch formstarken Freiburgern und verlieren die Bayern tatsächlich am Abend den „Clásico“, dann ist die Tabellenführung zehn Runden vor Saisonschluss dahin.

Gemeinsame Historie

Seit der FC Bayern im Juni 1965 in die Bundesliga aufgestiegen war, hatte der Rekordmeister immer periodisch Rivalen, die auf Augenhöhe mit den Münchnern um die Meisterschaften kämpften – Borussia Mönchengladbach, der HSV, Kaiserslautern, Werder Bremen seien hier vor allem zu nennen. Aber noch nie gab es einen Verein, der solange mit den Bayern um die Vorherrschaft im deutschen Fußball kämpfte wie der BVB. Anders als in der ferneren Vergangenheit wurde dieses Duell der stärksten Bundesliga-Rivalen im vergangenen Jahrzehnt vor allem im DFB-Pokal ausgetragen. Dieses Szenario gab es mit den anderen genannten Vereinen nie. Seit der Saison 2011/12 traf man sieben Mal im Pokal aufeinander, dreimal davon im Finale, zweimal im Halbfinale – dass die Bilanz dabei nur 4:3 zugunsten der Bayern lautet, deutet auch darauf hin, dass die Borussia im direkten Duell immer in der Lage war, die Bayern zu fordern, obwohl der Punkterückstand in der Bundesliga in den letzten acht Meisterjahren doch meist enorm war.

DFB-Pokal-Endspiele 2014 und 2016 FCB – BVB

Der BVB war auch der einzige deutsche Kontrahent des FCB in der Champions League, mit dem man sich auf Augenhöhe duellierte. Über Wembley 2013 muss man nicht viele Worte verlieren und in der Saison 1997/98 schied der amtierende Deutsche Meister FC Bayern im Viertelfinale in der Verlängerung beim amtierenden CL-Sieger Borussia Dortmund aus.

In Vergessenheit geraten ist dagegen, dass sich die beiden aktuellen Dauerrivalen vorher fast ein Jahrhundert „leistungsmäßig“ fast schon aus dem Weg gegangen sind. Während der FC Bayern mit seiner Gründung am 27. Februar 1900 sofort die Vorherrschaft im Münchner Fußball übernahm, schnell zu einer regionalen (bayerischen bzw. süddeutschen) Größe aufstieg und nach einigen gescheiterten Versuchen 1932 erstmals Deutscher Fußballmeister wurde, dümpelte der BVB nach seiner Gründung 1909 fast vier Jahrzehnte in einer gewissen Bedeutungslosigkeit dahin. Im Ruhrpott war der heute krisengeschüttelte Erzrivale Schalke 04 die absolute Nummer 1, viele Dortmunder waren in jener Phase sogar Schalke-Fans bzw. -Bewunderer. Dieses „Aschenputtel-Dasein“ des BVB änderte sich mit einer Partie schlagartig: Am 18. Mai 1947 schlugen die Borussen erstmals die zuvor übermächtigen Knappen mit 3:2 und wurden – heute würde man sagen „sensationell“ – Westfalenmeister. Ein Sieg, der dem Verein, der Stadt und den Fans offensichtlich sehr viel Selbstvertrauen einimpfte: Seit diesem Triumph mischte der BVB im deutschen Fußball mit! 1956 und 1957 gewann er die ersten beiden seiner insgesamt acht Deutschen Meisterschaften und stieg 1963 als amtierender Meister in die neu gegründete Bundesliga ein.

Die Bayern dagegen, die unter ihrem Präsidenten Kurt Landauer 1932 auf dem Weg zur Vormacht im deutschen Fußball, aber auch aufgrund der für damals sehr modernen Strukturen zu einer europäischen Größe waren, brauchten sehr lange, bis sie sich von den „Schwächungen“ im Dritten Reich erholt hatten. In der Oberliga Süd (1945-1963) waren sie zwar in 10 von 18 Jahren die Nummer 1 in München, insgesamt aber weit vom dominierenden Club aus Nürnberg abgehängt. 1955 stieg der FCB zudem zum einzigen Mal in seiner Vereinshistorie ab. Auf den sofortigen Wiederaufstieg 1956 folgte nur ein Jahr später der erste DFB-Pokalsieg. Aber 1963 zählte man – nennen wir es aus „sportpolitischen Gründen“ – nicht zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga.

Als die Bayern 1965 in die Bundesliga aufstiegen, waren die Dortmunder eine renommierte Spitzenmannschaft im deutschen Fußball und so verwunderte es nicht, dass die Bayern das allererste Aufeinandertreffen gegen den BVB am 16. Oktober 1965 zuhause im Grünwalder Stadion mit 0:2 verloren. Am Saisonende war Dortmund hauchdünn vor den Bayern Vizemeister – beide Vereine hatten in jener Saison durchaus die Möglichkeiten, den Münchner Löwen den einzigen Meistertitel in deren Vereinsgeschichte streitig zu machen. Der BVB wurde zudem 1966 erster deutscher Europapokalsieger (der Pokalsieger) und der FC Bayern gewann als Bundesliga-Neuling sofort den DFB-Pokal.

Ab der Saison 1966/67 ging die Entwicklung der beiden Vereine in grundsätzlich verschiedene Richtungen: Die Bayern gewannen am 17. Dezember 1966 erstmals gegen den BVB mit 1:0 und am Ende der Saison den DFB- und den Europapokal der Pokalsieger und standen damit am Anfang einer ihrer – vor allem international – erfolgreichsten Ären. Der BVB dagegen stieg nach der Saison 1971/72 in die Regionalliga (damals 2. Liga) ab. Unvergessen aus jener Saison: Der 11:1-Sieg der Bayern am 27. November 1971: Gerd Müller (4), Uli Hoeneß, Franz Roth (je 2), Franz Beckenbauer, Paul Breitner und Willi Hoffmann zerlegten vor 17.000 Zuschauern im Grünwalder Stadion den BVB in alle Einzelteile – bis heute der höchste Bundesligasieg des FC Bayern.

Während die Bayern von 1972-74 ihren ersten Titel-Hattrick in der Bundesliga holten und von 1974-76 dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister holten, benötigte der BVB vier Jahre um sich einigermaßen zu erholen und 1976 wieder in die Bundesliga zurückzukehren. Aber erst in der Saison 1994/95 konnte man wieder – unter Mithilfe der Bayern am letzten Spieltag, die den Tabellenführer Bremen mit 3:1 schlugen – Deutscher Meister werden. Die Bayern waren zu dem Zeitpunkt längst Deutscher Rekordmeister.

Ein paar Zahlen: Insgesamt gab es seit 1965 126 Pflichtspiele zwischen den beiden Vereinen, 63 davon gewann der FCB, 33 der BVB, bei 30 Unentschieden. Torverhältnis 244:156 für Bayern.

Speziell die Gesamt-Heimbilanz des FCB gegen den BVB ist sehr positiv: 63 Spiele – 41 S / 11 U / 11 N  – 150:59 Tore

Bundesliga-Gesamt-Bilanz aus FCB-Sicht: 103 Spiele – 49 S / 29 U / 25 N – 203:124 Tore

BL-Heimbilanz FCB: 51 Spiele – 32 S / 10 U / 9 N – 130:51 Tore.

In den letzten fünf Heimspielen (von 2015 bis 2019) – allerdings immer vor vollen Rängen in der Allianz Arena vernichteten die Bayern die Dortmunder nahezu: 5:1 – 4:1 – 6:0 – 5:0 – 4:0 – 24:2 Tore!

In der aktuellen Situation sollte man vielleicht auch eine neue Kategorie bei den Bilanzen aufführen: „Geisterspiele“ – die Bilanz aus Sicht des FCB gegen Dortmund: 3 Spiele – 3 Siege – 7:4 Tore.

Zur frühen BL-Geschichte: Nach drei Niederlagen in Serie in Dortmund nach dem Bundesliga-Aufstieg 1965 gewann der FCB in seinem ersten Doublejahr 1969 am 19. April 1969 auch zum ersten Mal ein Auswärtsspiel in Dortmund. Der 19-jährige gebürtige Münchner Helmut Schmidt erzielte damals in der 89. Minute den 1:0-Siegtreffer, die Vorentscheidung auf dem Weg zur 1. Bundesliga-Meisterschaft der Bayern. Dazu passend das Titelbild dieses Beitrags: Die Choreographie der Südkurve beim 4:0-Heimspieg der Bayern vor anderthalb Jahren (dem letzten Spiel gegen den BVB vor Zuschauern): 50 Jahre Double!

Zum Spiel heute Abend

Nachdem beide Teams in der Rückrunde zwischenzeitlich geschwächelt haben – den Bayern ist vor allem das Katar-Abenteuer mit dem Sieg in der Klub-WM nicht so gut bekommen – haben sie zuletzt wieder in die Erfolgsspur zurückgefunden.

Die Bayern haben im Champions League Achtelfinal-Hinspiel in Rom bei Lazio mit 4:1 und am letzten Wochenende zuhause gegen den 1. FC Köln mit 5:1 gewonnen. In beiden Spielen war die Offensivleistung einmal mehr außergewöhnlich stark, in der Defensive zeigte man aber jeweils – klar in Führung liegend – erhebliche Konzentrationsschwächen. Dies darf gegen die aktuell formstarken Dortmunder – nicht nur wegen Erling Haaland – nicht passieren.

Wie werden sich die Dortmunder heute Abend, nur vier Tage nach der Pokalschlacht in Gladbach und drei Tage vor dem CL-AF-Rückspiel gegen den FC Sevilla präsentieren? Eigentlich braucht der aktuelle Tabellen-Fünfte jeden Punkt in der Bundesliga, um den Anschluss an die CL-Plätze nicht zu verlieren. Geht er aber heute Abend an die körperlichen Leistungsgrenzen, droht am Dienstag in der CL ein böses Erwachen … Knifflig.

 Tipp FC Bayern Total

Schaffen es die Bayern, sich von Anfang an voll auf das Spiel heute Abend zu konzentrieren, was ihnen zuletzt nur in einem Viertel der Spiele gelungen ist, und vielleicht dabei auch noch früh in Führung zu gehen, könnte es – wie in den letzten BL-Heimspielen gegen den BVB – eine klare Angelegenheit werden. Angesichts des anstehenden CL-Spiels gegen Sevilla könnte der BVB dann einigermaßen früh mehr auf Schadensbegrenzung als auf die Punkte in München aus sein. Gelingt dies jedoch wieder nicht, wird es ein ganz zähes knappes Spiel. FC Bayern Total ist und bleibt wie (fast) immer optimistisch und tippt auf ein 3:0 für Bayern.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

Ein Kommentar zu “Bayern gegen Dortmund – DAS Prestigeduell im deutschen Fußball

  1. Stolz auf meine Bayern 🙂

    Auch wenn sich die Hoffnung von FC Bayern Total auf eine frühe Führung ins Gegenteil gekehrt hat und der BVB extrem früh mit 2:0 geführt hat, war das insgesamt eine grandiose Leistung – spielerisch, moralisch … 80 Minuten lang hat fast alles gepasst.

    Weiter … immer weiter!

    Und die Bundesliga ist „dank RB“ (leider) so spannend wie schon lange nicht mehr … wer, außer den BVB-Fans hat da etwas zu meckern? Über die Mimose Reus müssen wir uns gar nicht unterhalten – kann sich der übrigens noch an sein eigenes klares Handspiel im eigenen Strafraum in Hz 1 erinnern?

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