„Barça, wir hören nichts!“ – Ein Rückblick 25 Jahre nach dem großen Halbfinalduell im UEFA-Pokal

[ Ein Gastbeitrag von flobe22 ]

Wer kann sich noch an die 1990er Jahre erinnern? Den UEFA-Pokalsieg unseres FC Bayern, der erste internationale Titel nach einer gefühlten Ewigkeit von 20 Jahren?!

Damals waren wir Bayern kein Schwergewicht (mehr) in Europa, die ganz großen Mannschaften waren irgendwo weiter oben. Die „ganz Großen“, dazu gehörten in meiner Erinnerung die Italiener, allen voran die beiden Mailänder Clubs, natürlich auch die englischen Vereine, und aus Spanien der FC Barcelona und Real Madrid; obwohl die Madrilenen auch schon lange nichts mehr international gewonnen hatten. Gegen den ruhmreichen FC Barcelona hatten wir damals überhaupt noch nie gespielt, und Europas größtes Fußballstadion, das „Estadi del Futbol Club Barcelona“, besser bekannt als Camp Nou, hatte der FC Bayern auch noch nie von innen gesehen. Insofern war die Auslosung im UEFA-Cup-Halbfinale 1996 das absolute Traumlos, endlich ging es einmal nach Barcelona und auf die ganz große Fußballbühne. Ganz klar, da musste ich live dabei sein!

Barça war damals bei den Buchmachern der große Favorit auf ein Weiterkommen im Halbfinale und auf den Europapokalsieg überhaupt! Aber im Hinspiel am 2. April 1996 im Olympiastadion konnten unsere Bayern als Außenseiter (jawohl!) dem katalanischen FCB immerhin ein 2:2 Unentschieden abringen. Es war ein Achtungserfolg, der uns von der Sensation träumen ließ. Und zwei Wochen später ging es endlich nach Barcelona: ich fuhr mit drei Freunden die lange Strecke in einem klapprigen roten (!) VW Passat, wir machten gleich ein paar Urlaubstage draus und bauten unser Zelt auf einem Campingplatz am Strand von Barcelona auf – natürlich mit gehisster Bayernfahne.

Den Tag des Spiels verbrachten wir in der Stadt, nach und nach trafen mehr Bayernfans ein und färbten die Ramblas rot-weiß. Es war eine großartige fröhliche Atmosphäre! Wenige Stunden vor Anpfiff fuhren wir mit der U-Bahn Richtung Stadion und liefen die letzten zwei Kilometer zu Fuß. Und je näher wir der riesigen Arena kamen, desto mulmiger wurde mir zumute. So ein großes Stadion hatte ich zuvor noch nie gesehen, der Anblick der steil aufragenden Fassade war schlichtweg ergreifend! Das heimische Olympiastadion war Zeit meines Lebens für mich das schönste Stadion weltweit – und das ist es auch heute noch! Aber das Camp Nou in Barcelona war einfach etwas anderes, furchteinflößend und gigantisch!

Das Herz in der Hose und mit weichen Knien stiegen wir die unzähligen Stufen zu unseren Plätzen empor. Der Block der Auswärtsfans liegt im Camp Nou, damals wie heute, auf der Gegengerade im dritten Rang ganz oben unter den riesigen Flutlicht-Strahlern, stundenlange Sauna bei gefühlt 50 Grad im Nacken inklusive – der mit Abstand beschissenste Platz im Stadionrund! Aber man hat aus dieser Vogelperspektive immerhin einen tollen Blick aufs Spielfeld. Und der Bayernblock war schon 2,5 Stunden vor Anpfiff rappelvoll, das restliche Stadion natürlich noch total leer. Nie werde ich unsere Gesänge vergessen: 3000 Bayern-Kehlen brüllten zwei Stunden lang „Barça, wir hören nichts!“ in die leere Schüssel, heute noch ein beliebter running gag bei allen, die dabei waren.

Selbst wenige Minuten vor Anpfiff war noch die Hälfte der Plätze frei, was war da los? Konnte es sein, dass dieses Halbfinal-Rückspiel nicht ausverkauft ist, waren wir Bayern etwa ein unattraktiver Gegner für die Barça-Fans? Nein, es ist wohl in Spanien üblich, dass viele Zuschauer erst unmittelbar vor Anpfiff ihren Platz einnehmen. Natürlich war das Camp Nou mit 115.000 Zuschauern restlos ausverkauft, ein wirklich erhabener Anblick!

Dann ging das Spiel los, und mein Puls war in den nächsten 90 Minuten irgendwo bei weit über 200! Ich kann mich an nicht mehr viele Details vom Match erinnern, nur dass wir bei beiden Bayern-Toren, Markus Babbels 0:1 und Marcel Witeczeks 0:2, in einem rotweißen Menschenknäuel jubelnd über die Stufen des 3. Ranges purzelten. Wahnsinn, können wir Barcelona tatsächlich in Barcelona raushauen? Kurz vor Schluss dann der Anschlusstreffer von Iván de la Peña zum 1:2. Schnappatmung, die letzten Minuten wurden zur Hölle. Dann endlich der Schlusspfiff, die absolute Ektase! Wir waren tatsächlich im Finale!!! Es war eine Sensation!

Den UEFA-Pokal nannte Kaiser Franz einst „Cup der Verlierer“, aber ich sehe das nicht so! Dieser Europapokal hatte damals ein wesentlich höheres Ansehen als die „UEFA Europa League“ heute. Insofern war es ein toller und wertvoller Titel, den unsere Bayern dann im Finale gegen Girondins Bordeaux einige Wochen später nach Hause fuhren. Und es war nicht weniger als der erste internationale Triumph seit 20 Jahren, seit dem Erfolg im Landesmeisterpokal 1976. Wir waren endlich wieder wer in Europa! Und der Grundstein für diesen Erfolg wurde im „vorgezogenen Finale“ gegen den FC Barcelona gelegt.

Ich bin sicherlich kein „Allesfahrer“, aber auf den ein oder anderen Auswärtsspielen war ich schon, auch international. Ich habe drei Champions League Endspiele live im Stadion erlebt und war bei zwei Weltmeisterschaften als Fan dabei. Aber dieses UEFA-Pokal Halbfinale in Barcelona ist für mich bis heute eines der größten Fußball-Erlebnisse überhaupt! Ich denke so gerne daran zurück, die legendäre, ewig lange Autofahrt durch die Nacht nach Katalonien, unser Zelt mit Bayernfahne am Mittelmeer-Strand, die wunderschöne Stadt Barcelona voller Bayernfans und das gigantische Camp Nou… und manchmal klingt es dabei noch leise in meinen Ohren:

„Barça, wir hören nichts!“


Einen herzlichen Dank an flobe22 für diesen grandiosen Beitrag. In der Hoffnung, dass dieser vielen Bayernfans als Motivation für eigene Beiträge dient. 🙂

Veröffentlicht von gastautorfcbtotal

Gastautoren von FC Bayern Total

5 Kommentare zu „„Barça, wir hören nichts!“ – Ein Rückblick 25 Jahre nach dem großen Halbfinalduell im UEFA-Pokal

  1. Wirklich ein super Beitrag 🙂

    An jene Saison gibt es noch beste Erinnerungen an die UEFA-Cup-Heimspiele gegen Moskau (0:1); Benfica (4:1 – Klinsi-Gala), Nottingham (2:1), Barca (2:2) und Girondins (2:0) … fast alle in der Oly-SK gesehen …

    Leider war kein Auswärtsspiel dabei … auch das Endspiel-Rückspiel in Bordeaux war ja legendär und hat die FCB-Fans maßgeblich in ihrem zukünftigen Wirken beeinflusst.

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    1. Dem kann ich nur vollstens zustimmen.

      Ich habe hier immer sehr gerne mitgelesen und ab und zu meine Kommentare abgegeben. Zuletzt immer seltener. Aus gesundheitlichen Gründen werde ich dies leider nun nicht mehr machen können (meinen Text schreibt nun schon „mein Ghostwriter“).

      Den FCB immer in meinem Herzen und der Seite weiterhin viel viel Glück!

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  2. Wahnsinns Geschichte und ein super tolles Erlebnis! Da wäre ich sehr gerne dabei gewesen!
    Ich erinnere mich an meine Fahrt mit dem Verfasser dieses Beitrags nach Berlin zum DFB-Pokal-Finale 2008! Unvergessliches Erlebnis!!! Zuerst der Tag auf der Fan-Meile rund um das Brandenburger Tor und dann am Abend im Olympiastadion mit dem Sieg unserer Bayern nach Verlängerung!!!

    Gefällt 2 Personen

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