Der schwere Stand der FCB-U19 in der UEFA Youth League

Nach der 0:2-Auftakt-Niederlage in Barcelona kam es am 2. Spieltag beim UEFA Youth League Heimspiel für die U19 des FC Bayern gegen Dynamo Kiew noch dicker: Chancenlos ging man gegen den Nachwuchs des ukrainischen Meisters mit 0:4 unter. Während die Facebook-Seite des FC Bayern (FC Bayern Campus) mit „Kopf hoch, FCB U19!“ noch aufmunternde Worte fand, waren die Fan-Reaktionen in den Social Media extrem negativ, nicht selten beleidigend. FC Bayern Total erklärt, warum dies speziell in diesem Jahr für diesen Jahrgang unangebracht ist.

Reaktionen bzw. Beleidigungen auf Facebook

Eine kleine Zusammenstellung:

Absolut Enttäuschend, sich so im eigenen Stadion abfertigen zu lassen!

Erschreckend wie schwach deutsche Nachwuchsteams (nicht nur Bayern) im internationalen Vergleich abschneiden.

So Jungs, jetzt noch ein paar Snaps für eure Insta Stories, das ist ja eh das Wichtigste. Zumindest wichtiger als sich den Arsch für diese Farben aufzureißen, ihr ******söldner!“

Beide Spiele verloren und werden keins gewinnen … da fehlt nicht nur die Einstellung, da fehlt mehr …

Wenn man so ein Spiel sieht, weiß man, wieso so wenige eigene Spieler den Weg in den Profikader bzw. in die Profimannschaft schaffen. Da fehlt es an einfachen Dingen z.B. Zweikampfverhalten , Passspiel , Durchsetzungsvermögen , Zielstrebigkeit usw. Fußball ist nicht nur gut mit dem Ball daddeln können. Mir persönlich fehlen auch die unterschiedlichen Spielertypen , bei so viel Scouting sollte dies möglich sein.

Bemerkung hierzu: FC Bayern Total hat es sich erlaubt, in den Texten scharfe Beleidigungen zu streichen, aber auch die zahlreichen Rechtschreib- und Grammatikfehler der Original-Beiträge zu korrigieren.

Extrem starke Gruppe

Zunächst einmal sollte darauf hingewiesen werden, dass die drei Gruppengegner Dynamo Kiew, Benfica Lissabon und FC Barcelona (traditionell) sehr starke Jugendmannschaften haben. Der portugiesische und der spanische Nachwuchs zählt seit Jahrzehnten zu Europas Besten. Die Ukraine ist amtierender U20 Weltmeister, auch dort wird seit einiger Zeit im Jugendbereich überragende Arbeit geleistet. Dass Barca mit seiner legendären Kaderschmiede La Masia in dieser Gruppe gegenüber Benfica und Kiew eher als Außenseiter anzusehen ist, spricht Bände. Nach dem 2:0-Auftakt-Sieg gegen den FC Bayern gab es am Mittwochnachmittag eine 0:4-Klatsche in Lissabon.

UEFA Regeln zur Spielberechtigung für die Youth League

Jeder Mannschaftskader darf bis zu 40 Spieler enthalten. Fünf davon dürfen zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 2002 geboren worden sein, die restlichen 35 Spieler am 1. Januar 2003 oder später. Von den fünf älteren Spielern dürfen darüber hinaus höchstens drei für eine Partie nominiert werden.

Wenn man die durch die UEFA spielberechtigten Jahrgänge mit den vom FCB gegen Kiew eingesetzten Spielern vergleicht, findet man bereits einen Ansatzpunkt, warum es diese Mannschaft in dieser so starken Gruppe so schwer hat.

FC Bayern U19 gegen Dynamo Kiew – Namen und Geburtsdaten

Tom Ritzy Hülsmann – 11.04.2004

 Nick Salihamidžić  – 08.02.2003  (58. Marcel Wenig  – 04.05.2004)

Jamie Lawrence  – 10.11.2002

Justin Janitzek  – 10.02.2004

David Herold  – 20.02.2003

Luca Denk  – 02.03.2003   (58. Arijon Ibrahimovic  – 11.12.2005)

Aleksandar Pavlovic   – 03.05.2004

Mamin Sanyang   – 06.02.2003

Paul Wanner   – 23.12.2005

Yusuf Kabadayi  – 02.02.2004  (74. Younes Aitamer – 23.04.2003)

Lucas Copado  – 10.01.2004 (70. Grant-Leon Mamedova  – 20.07.2003)

Reizt man die UEFA-Vorgaben aus, kann die Startelf in der Youth League aktuell einen Altersdurchschnitt von 18,3 Jahren haben. Mit Jamie Lawrence spielte gegen Kiew beim FCB jedoch nur ein einziger Spieler des Jahrgangs 2002 und selbst der ist erst 18 Jahre jung. Die Bayern begannen mit fünf 18-Jährigen, fünf 17-Jährigen und einem 15-Jährigen (Altersschnitt 17,3). Die Einwechselspieler waren im Schnitt sogar noch jünger.

Wer selbst einmal Fußball gespielt hat und sich im Jugendbereich einigermaßen gut auskennt, der weiß, dass der Unterschied zwischen zwei Jahrgängen meist sehr groß ist. Früher spielte der jüngere Jahrgang meist als A2 oder B2, heute haben gerade größere Vereine nicht selten eine U16. Bei den Nationalmannschaften gibt es für jeden Jahrgang von der U21 abwärts eine Mannschaft (bis zur U15).

 Die U19 des FC Bayern nur die 2. Mannschaft dieser Jahrgänge?!

Wenn man den Kader der Bayern Amateure betrachtet, dann bemerkt man, dass die U23 des FCB, welche diese Saison den Wiederaufstieg in die Dritte Liga schaffen soll, noch einmal erheblich jünger als in den vergangenen Jahren ist.

12 der Amateure-Spieler könnten noch in der U19-Bundesliga spielen, 10 von ihnen sind Jahrgang 2003, zwei Jahrgang 2004. Unter ihnen befinden sich Bright Arrey-Mbi, welcher in der CL-Vorrunde 2020/21 bei der Partie gegen Atlético in Madrid (1:1) bereits einen Startelfeinsatz hatte, aber auch die hochtalentierten Torben Rhein, Armindo Sieb und der derzeitige Amateure-Toptorjäger Nemanja Motika. Dieser schoss am Dienstagabend im Auswärtsspitzenspiel der RL Bayern mit seinen vier blitzsauberen Toren Schweinfurt 05 nahezu im Alleingang ab. Dass Jamal Musiala, Jahrgang 2003, ebenfalls noch ein U19-Spieler ist, muss nicht mehr erwähnt werden.

FC Bayern Total behauptet in diesem Zusammenhang, dass der Nachwuchs des FCB auch in diesem Jahr sowohl national wie auch international absolut wettbewerbsfähig wäre, wenn man in der U19 tatsächlich mit den besten Spielern antreten würde.

Strategie des Vereins im Nachwuchsbereich

Es ist kein Geheimnis, dass der FCB im Campus-Fußball eher darauf fokussiert ist, den einzelnen Spieler zu fördern als Mannschaftserfolge zu ermöglichen. Die talentiertesten Spieler sollen sich nicht in ihren Jahrgängen (zu) wohl fühlen, sondern vielmehr dem „Stresstest“ der höheren Jahrgänge ausgesetzt sein.

Ob diese Strategie bzw. Philosophie auf dem Campus tatsächlich die beste für den Reifeprozess der Spieler ist, darüber kann man sich streiten. Nimmt man z.B. das Beispiel der aktuellen U19: Mit Musiala spielen bereits 13(!) Spieler ihrer Jahrgänge beim FCB im Männerbereich. Kickt die aktuelle U19 nicht in dem Bewusstsein, dass man es sowieso nie beim FCB schaffen kann und wird? Ist das nicht ernüchternd und demotivierend?

Gegen den FCB, und dies gilt im Senioren- wie im Jugendbereich gleichermaßen, sind alle Gegner besonders motiviert. Bei den Heim-BL-Spielen der U19 und U17 im Campus-Stadion ist die Atmosphäre häufig wie bei einem Auswärtsspiel: Die Gäste bringen zum Spiel des Jahres immer zahlreiche lautstarke Fans mit, während sich die FCB-Fans mit Support doch stark zurückhalten (um es vornehm auszudrücken). Und dann verliert der zweite Anzug der U19 des deutschen Rekordmeisters gegen ein Team, dessen erste Mannschaft in der 2. Bundesliga oder sogar darunter spielt. Es setzt massenhaft Häme – motivierend und erfolgsfördernd ist das wohl eher nicht.

Gegenmodell zur „FCB-Strategie“

Was wäre, wenn auch die talentiertesten Spieler der Jahrgänge in ihrem eigentlichen Jahrgang spielen würden? Sie würden zwar erst mit 19 im Seniorenbereich kicken, könnten aber ihre Mannschaften zu Meisterschaften (an)führen: Regelmäßige Deutsche Meisterschaften sollten damit für den FCB-Nachwuchs keine Utopie sein, selbst in der Youth League könnte man sich höhere Ziele setzen und nicht regelmäßig in der Vorrunde bzw. spätestens im Achtelfinale scheitern.

Erfolge als Leader von Teams zu feiern ist sicherlich motivierend und kann ebenfalls sehr früh zu einem Reifeprozess führen. Viele Fans und Mitglieder des Vereins würden sicherlich diese Variante der aktuellen Campus-Strategie vorziehen.

Vorschlag an die Verbände, um Vereinen wie dem FC Bayern entgegen zu kommen: Früher war die A-Jugend eine U18, die B-Jugend eine U16 – könnte man nicht wieder zu diesem alten System zurückkehren?


Titelbild: Startelf gegen Dynamo Kiew, der offiziellen Website des FC Bayern entnommen.


Update 02.10.2021:

Wie zur Bestätigung des Beitrags verliert die U19 heute in der Bundesliga Süd/Südwest mit 1:4 (1:0) gegen den VfB Stuttgart, während die Amateure mit einem durchschnittlichen Startelfalter von 18,36 Jahren souverän mit 3:0 in Fürth gewinnen und die Tabellenführung in der RL Bayern behaupten.


Update 12.10.2021:

Nachdem die Facebookseite von FC Bayern Total in den letzten Tagen vermehrt von BVB-Fans „besucht“ worden war, welche nicht zuletzt hämische Kommentare bzgl. der Klassenzugehörigkeit der beiden 2. Mannschaften hinterlassen haben, sind wir bei weiteren Recherchen auf sehr interessante Details gestoßen.

Wir haben die Alterstruktur der FCB Amateure (RL Bayern) mit der vom BVB II (3. Liga, Tabellenzweiter) verglichen. Beide Teams geben einen Stamm von 24 Spielern an (https://www.bvb.de/Mannschaften/U23). Wir haben jeweils die drei erlaubten älteren Spieler weggenommen, da diese nicht mehr dem Nachwuchs zuzurechnen sind. (Nicolas Feldhahn, Timo Kern und Maximilian Welzmüller bei den FCB Amateuren). Bleiben bei beiden Teams 21 Nachwuchskicker.

Bei Bayern ist der älteste Jahrgang der 2001 er. Die 20-Jährigen sind bei Bayern mit fünf Spielern vertreten. Außerdem: 4 x 2002; 10(!) x 2003; 2 x sogar 2004. Wie bereits weiter oben erwähnt, könnte somit die Hälfte der gesamten „Amas-Spieler“ noch in der U19 spielen. Der Altersschnitt der 21 Nachwuchsspieler ist 18,6 Jahre.

Ganz anders sieht die aktuelle (scheinbare Erfolgs-) Altersstruktur beim BVB II aus. Kein einziger Spieler könnte noch in der U19 spielen! Der jüngste Jahrgang ist der 2002 er, jedoch nur mit vier Spielern vertreten. Außerdem: 2 x 1997; 2 x 1998; 6 x 1999; 4 x 2000 und 3 x 2001. Altersschnitt: satte 21,3 Jahre!!

Man muss wohl niemandem erklären, dass es in diesen Altersstufen einen riesigen Unterschied macht, wenn eine Mannschaft fast drei Jahre älter als die andere ist. Die Ansätze beider Vereine sind vollkommen unterschiedlich. Und für die Fans kann nur gelten: weder müssen die der Borussia aus Dortmund angesichts dieser Konstellation zu gehässig und überheblich sein, noch müssen die FCB-Fans zu kritisch mit den eigenen Nachwuchsspielern umgehen.

Update 21.10.2021:

Puh, das wird wohl in diesem Herbst eine ganz ganz bittere Erfahrung für die U19 des FCB in der Youth League. Gestern ein 0:4 bei Benfica. Das Beste aus Bayernsicht war tatsächlich noch das Ergebnis.

Während die Profis nach Punkten und Toren nach den 3 Spielen der CL-Hinrunde das erfolgreichste Team darstellen (9 Punkte; 12:0 Tore), ist bei der U19 genau das Gegenteil der Fall: Mit 0 Punkten und 0:10 Toren hat man von allen 32 Mannschaften die schlechteste Bilanz!

In dieser Saison kann man wohl nichts mehr daran ändern, dass sich der Verein auf europäischer Ebene nicht wirklich „FC Bayern like“ präsentieren wird. Es geht auch längst nicht mehr darum, sich für die Play-Offs zu qualifizieren, was bei den letzten drei Austragungen des Wettbewerbs immerhin zweimal gelang und nur 2018/19 hauchzart nicht. Es geht nur noch darum, eine riesige Blamage abzuwenden. Szenarien wie Null Punkte und Tore nach sechs Spielen dürften auch längst in den Köpfen der U19-Nachwuchskicker des FCB herumspuken.

Den jungen Kickern alles alles Gute (vielleicht gelingt sogar ein Punktgewinn oder Sieg!) und den dafür Verantwortlichen im Verein möge man wünschen, dass sie aus diesem Szenario die richtigen Schlüsse ziehen. Denn es geht durchaus auch hier bereits um das sonst so großartige Image des Vereins. Der Verein würde noch wesentlich mehr als reiner „Zukaufverein“ ohne vernünftige eigene Jugendarbeit wahrgenommen werden, als dies bei nicht wenigen sowieso schon der Fall ist.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

3 Kommentare zu „Der schwere Stand der FCB-U19 in der UEFA Youth League

  1. Achtung: sehr interessantes Update hierzu heute. Aufgrund zahlreicher (gehässiger) Kommentare aus der Ecke der BVB-Fans, welche auf die scheinbar wesentlich bessere (weil derzeit erfolgreichere) Nachwuchsarbeit hinweisen, hat FCB Total weiter recherchiert und ist auf sehr erstaunliche Umstände gestoßen.

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  2. Herzlichen Dank für die interessanten Infos! Vor diesem Hintergrund erscheinen die Ergebnisse gleich in einem ganz anderen Licht. Wobei ich es generell armselig finde, aufgrund von Ergebnissen der Nachwuchsmannschaften zu pöbeln. Bestätigt allerdings meine Einschätzung über die „Fans“ aus der Stadt nahe Lüdenscheid.

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