Der FC Bayern bei Dynamo Kiew – interessante Geschichte(n) der bisherigen Spiele

Morgen am frühen Abend tritt mit dem FC Bayern – 12 Punkte und 17:2 Tore – die bislang beste Champions League Mannschaft der Gruppenphase beim Tabellenletzten der Gruppe E , Dynamo Kiew, an (1 Punkt / 0:7 Tore). Eigentlich eine klare Angelegenheit, wenn der FCB nicht auf 8 -10 Spieler verzichten müsste – die meisten von ihnen befinden sich in Corona-Isolierung oder –Quarantäne. Auch die bisherige Europapokalhistorie zeigt auf, dass die Bayern bislang nicht wirklich gerne in die ukrainische Hauptstadt gereist sind.

Dynamo Kiew – nationaler Rekordmeister und auch international erfolgreich

Darf sich der FC Bayern in Deutschland seit 1987 als alleiniger deutscher Rekordmeister bezeichnen und hat seinen diesbezüglichen Vorsprung auf ein scheinbar unaufholbares Ausmaß ausgedehnt, ist Dynamo Kiew sogar Rekordmeister in zwei verschiedenen Ländern: Sowjetischer (dies wohl für die Ewigkeit) und ukrainischer.

Obwohl es in der Sowjetunion von 1936 bis 1960 nur Meister aus Moskau gegeben hatte, reichten Kiew die 30 Jahre von 1961 bis 1991, um mit insgesamt 13 nationalen Titeln vor Spartak Moskau (12) und Dynamo Moskau (11) sowjetischer Rekordmeister zu werden. Auch in der Ukraine (seit 1992) ist man mit bislang 16 Titeln der Rekordmeister, gefolgt von Schachtar Donezk, welches im letzten Jahrzehnt die dominierende ukrainische Mannschaft stellte, mit 13 Titeln. Nur der erste ukrainische Titel ging nicht nach Kiew oder Donezk, Tawrija Simferopol hieß in der Saison 1991/92 der Meister.

Zu den 9 sowjetischen und 13 ukrainischen Pokalsiegen gewann Dynamo Kiew 1974/75 und 1985/86 auch zweimal den Europapokal der Pokalsieger. Mitte der 1970er Jahre zählte der Verein zu den spielstärksten Mannschaften in Europa, was auch der FC Bayern leidvoll zu spüren bekam. Durch den Europapokalsieg der Pokalsieger 1975 qualifizierte sich Kiew für den Europäischen / UEFA Supercup. Der Gegner hieß FC Bayern München.

Die Duelle zwischen Bayern und Kiew

UEFA Supercup 1975

Im Buch Europapokal 1976 des Copress-Verlag München steht zu diesem erst 1972 ins Leben gerufenen Wettbewerb, 1973 zum ersten Mal offiziell durch die UEFA organisiert: „Schon 1972 wurde in der Flut der nationalen und internationalen Pokal-Wettbewerbe ein neuer lukrativer Fischfang gemacht. Was England recht ist, wenn dort im Mekka des Fußballs, dem Londoner Wembley-Stadion, jeweils zu Beginn der Saison Meister und Cup-Gewinner sich duellieren, das müsste Europa billig sein …“

Wüsste man nicht, dass dieser Text fast ein halbes Jahrhundert alt ist, könnte man meinen, dass dies ein aktueller Kritikpunkt am „modernen Fußball“ ist.

Für den FC Bayern waren die zwei Spiele gegen Dynamo Kiew im Herbst 1975 die ersten Spiele um diesen Europäischen Supercup, obwohl man sich bereits 1974 dafür qualifiziert hatte. Jedoch verweigerte damals der FC Magdeburg die Austragung dieses Wettbewerbs aus „politischen Gründen“ – die exakten Hintergründe sind wohl bis heute nebulös. Das Duell gab es dann dennoch in Oktober / November 1974 in der  2. Runde des Landesmeistercups. Die Bayern setzten sich mit 3:2 und 2:1 durch.

Der UEFA Supercup wurde damals noch in Hin- und Rückspiel ausgetragen und obwohl die Bayern eigentlich als amtierender Landesmeistercupsieger die „Könige Europas“ waren, gingen sie als Außenseiter in die Spiele. Durch viele Ausfällen von Leistungsträgern geschwächt (u.a. Gerd Müller, Uli Hoeneß, Johnny Hansen, Björn Andersson, Rainer Zobel, Conny Torstensson) und dementsprechend auch in der BL formlos war man in den beiden Spielen im wahrsten Sinne des Wortes chancenlos. Dynamos damaliger Superstar Oleg Blochin erschoss die Bayern im Alleingang (1:0 in München; 2:0 in Kiew). Während sich in München beim Hinspiel am 9. September 1975 das Zuschauerinteresse mit 30.000 stark in Grenzen hielt, „fand der zweite Akt des „Super-Cups“ mit 105.000 Zuschauern und 700.000 Kartenanforderungen die größte Resonanz, die ein Fußballspiel jemals in der UdSSR auslöste“ (Europapokal 1976).

Oleg Blochins 1:0 im Münchner Olympiastadion

Europapokal der Landesmeister – Viertelfinale 1976/77

Im Viertelfinale des Landesmeistercups 76/77 im März 1977 kam es zum Wiedersehen. Trotz des schwierigen Saisonstarts triumphierten die Bayern erneut im Landesmeisterpokal 1975/76 und erreichten durch ein 1:0 gegen AS St. Etienne im Endspiel  in Glasgow den Titel-Hattrick. Dynamo war im Viertelfinale etwas überraschend mit 2:0 und 0:3 n.V. gegen den bayerischen Endspielgegner ausgeschieden.

Erneut fand sich der Titelverteidiger aus München aufgrund von zahlreichen Verletzungen in der Außenseiterrolle wieder. Erneut nicht mitwirken konnte Gerd Müller (Bandscheiben-OP), ebensowenig  Bernd Dürnberger und Udo Horsmann. Beim Hinspiel in München gingen zudem Franz Beckenbauer, Katsche Schwarzenbeck und Franz Roth angeschlagen in die Partie. Fairerweise muss man darauf hinweisen, dass auch Kiew in München nicht in Bestbesetzung antreten konnte.

Anders als im Super-Cup 1975 konnte sich der (fast) frisch gebackene Weltpokalsieger aus München (2:0 und 0:0 gegen Cruzeiro Belo Horizonte im Dezember 1976) über die Unterstützung von 75.000 Fans im ausverkauften Olympiastadion freuen. Allerdings unkte man schon vor dem Spiel „vom letzten großen Zahltag für lange Zeit“. Leider bewahrheitete sich die dunkle Voraussicht nur zwei Wochen später.

Nach dem Hinspiel in München waren jedoch noch alle Hoffnungen intakt: Vielleicht auch durch die Ehrung von Franz Beckenbauer zu „Europas Fußballer des Jahres 1976“ vor dem Anpfiff motiviert, spielten die Bayern für ihre damaligen Möglichkeiten ganz groß auf. Allein voran der Geehrte zeigte eine glänzende Vorstellung, in der 2. Halbzeit rückte er sogar ins Mittelfeld vor und Katsche Schwarzenbeck übernahm seine Liberoposition. Letztendlich blieb es jedoch beim etwas mageren 1:0 durch Müllers gewiss nicht schlechten Stellvertreter Rainer Künkel. Ein Gerd Müller in Bestform hätte den Ukrainern an jenem Abend jedoch ein Debakel bescheren können.

Und so kam es, wie es (nicht unbedingt) kommen musste: Im Rückspiel waren die Bayern alles andere als chancenlos. In der 82. Minute hatte Kalle Rummenigge beim Stand von 0:0 die Riesenchance zum Führungstreffer. Damaliger O-Ton vom späteren Vorstandsvorsitzenden des FCB: „Im Herbst, als ich in Höchstform war, wäre ich mit dem Ball bis auf 3 Meter auf Rudakow (Kiews Torwart, eig. Anm.) zugelaufen und hätte ihn gefragt, wo er ihn hinhaben möchte…“ Eine Minute später bekam Kiew einen höchst umstrittenen Elfmeter zugesprochen, den Burjak zum 1:0 verwandelte – das 0:2 in der 87. Minute besiegelte das endgültige Aus der Münchner und beendete die erfolgreichste Ära des FCB im Europapokal. (Titelbild)

Kiew war in den siebziger Jahren wahrlich für die Bayern keine Reise wert!

1994 – Treffen in der CL-Gruppenphase

Es sollte über 17 Jahre dauern, bis sich die Bayern für die schmachvollen Pleiten von 1975 und 1977 revanchieren konnten. Durch die Meisterschaft der Saison 1993/94 qualifizierte man sich erstmalig für die Champions League. In einer Gruppe, die von Paris St. Germain dominiert wurde, duellierte man sich u.a. mit Dynamo Kiew um den zweiten Platz, welcher damals für das Vorrücken ins Viertelfinale reichte.

In München gewannen die Bayern durch einen Treffer von Mehmet Scholl mit 1:0 und als man am 7. Dezember 1994 zum 6. Spieltag in Kiew antrat, hatten beide Mannschaften die Chance, durch einen Sieg ins Viertelfinale einzuziehen. Der 18-jährige Andrij Schwetschenko brachte den Ukrainischen Meister in der 38. Minute in Führung, das bessere Ende in Halbzeit 1 hatten jedoch die Bayern: Christian Nerlinger mit dem Halbzeitpfiff zum 1:1!

In der 2. Halbzeit machten Jean-Pierre Papin mit seinen wohl zwei wichtigen Treffern im FCB-Trikot und Mehmet Scholl den 4:1-Sieg perfekt. Der bislang einzige Auswärtssieg der Bayern in Kiew! Die europäische Reise von Trapattonis Bayern ging damals erst im Halbfinale gegen den späteren Sieger Ajax Amsterdam zu Ende.

1999 – ganz knappes CL-Halbfinale

Auch wenn aus jener legendären CL-Saison vor allem das dramatisch verlorene Finale gegen ManUnited in Barcelona in Erinnerung bleibt: Schon das Weiterkommen im Halbfinale gegen Dynamo Kiew war eine ganz knappe Sache.

Wie in den 1970er Jahren hatte Dynamo wieder einen „Superstar“: Andrij Schewtschenko, welcher nach jener Saison zu Milan wechseln sollte und dort eine Ära mitgeprägt hat. Zunächst einmal war er im Frühjahr 1999 dafür mitverantwortlich, dass im CL-Viertelfinale der Titelverteidiger Real Madrid mit 1:1 und 2:0 eliminiert wurde.

Und auch das Hinspiel in Kiew gegen Bayern begann mit zwei Schewtschenko-Toren (15., 43. Min.) grandios für Dynamo. Wie schon 1994 hatte Bayern jedoch in Halbzeit 1 eine „Last-Minute-Antwort“:  Michael Tarnat zum 1:2 aus Bayernsicht. Kurz nach der Halbzeit ging Kiew wieder mit zwei Toren in Führung und es sah lange Zeit nicht gut aus für Bayern. Späte Tore durch Stefan Effenberg („intelligent-frecher“ Freistoß) und Carsten Jancker (89. Minute) ließen zum Schlusspfiff jedoch nur die Münchner strahlen.

Das Rückspiel in München war dennoch eine ganz harte Angelegenheit: Ein überragender Oliver Kahn und Mario Basler mit seinem wohl besten (laufstärksten) Spiel im Bayerntrikot, nicht nur wegen seines sensationellen Tores, waren aus Bayernsicht die Hauptprotagonisten des 1:0-Sieges. Der Endspieleinzug wurde von Mannschaft und Fans mit einigen Ehrenrunden im Olympiastadion gefeiert. „Ja, das haben wir lange nicht gesehen, so schön, so schööön!“  😉

1999/2000 – Zwischenrunde Champions League

Genauso „unerheblich“ wie das kurz- bzw. zwischenzeitliche CL-Produkt „Zwischenrunde“ (1999-2003, seitdem im heutigen Format) aus heutiger Sicht erscheint, so unspektakulär und fast nicht in Erinnerung geblieben sind jene beiden Spiele aus dem Dezember 1999 (2:1-Heimsieg der Bayern; Tore Carsten Jancker, Paulo Sergio) und März 2000 (0:2-Niederlage in Kiew).

Erwähnenswert dazu:

Es gab CL-Heimspiele der Bayern vor gerade einmal 16.000(!) Zuschauern im bitterkalten Olympiastadion – und das ist noch nicht sooo lange her.

Nach den beiden grandiosen Siegen gegen Real Madrid (4:2; 4:1 – Lothar Matthäus Abschiedsspiel vom FCB auf internationaler Bühne) waren die Bayern vor dem letzten Gruppenspiel in Kiew längst für das Viertelfinale qualifiziert und spielten mit einer sog. „B-Elf“. Hätte Real Madrid nicht das Parallelspiel in Trondheim gewonnen, wäre Dynamo Kiew und nicht Real Madrid in die nächste Runde eingezogen. Dementsprechend sauer war man in Madrid. Das Ende vom Lied ist bekannt: Bayern schied im HF gegen Madrid aus (0:2; 2:1) und die „Königlichen“ triumphierten am Ende in der CL, obwohl sie drei von vier Spielen gegen Bayern verloren hatten …

Hinspiel am 29. September 2021 in der Allianz Arena

Vor knapp zwei Monaten schossen die Bayern Dynamo mit 5:0 aus der heimischen Arena.

Die Torschützen waren Robert Lewandowski (2), Leroy Sané, Serge Gnabry und Eric Maxim Choupo-Moting. Die beiden letztgenannten fehlen morgen, weil sie sich als Ungeimpfte in Corona-Quarantäne befinden.

Tipp FC Bayern Total für morgen:  Aufgrund der etwas schwierigen Ausgangssituation könnte man mit einem sehr knappen Sieg zufrieden sein, mit einem Unentschieden aber auch schon ganz  gut leben – 2:1 für den FCB.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

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