Eine Leidenschaft, die fast unbemerkt begann – die faszinierende Geschichte eines rumänischen Bayernfans

Gastbeitrag von Cătălin Apostol aus Bukarest

Kein Fußballfan entscheidet, welche Mannschaft er unterstützt, weil sich die Mannschaft eigentlich ihre Fans aussucht: ich weiß nicht mehr, wo ich das gelesen habe, aber mir ist so etwas passiert.

Mein Name ist Cătălin. Ich lebe und arbeite (jetzt als Redakteur; früher war ich Sportjournalist) in Bukarest, wo ich vor 45 Jahren geboren wurde. Ich wohne noch heute in dem Stadtviertel, in dem ich aufgewachsen bin, nur 2 Kilometer (30 Minuten zu Fuß) vom Stadion des berühmtesten rumänischen Fußballvereins (Steaua) entfernt. Ich habe jedoch eine Leidenschaft für einen Verein, der in 1.500 Kilometer Entfernung beheimatet ist. Es gibt eine Erklärung dafür.

Der Fußball und der Sport im Allgemeinen waren in meiner Familie nie ein wichtiges Thema. Mein Vater war kein Sportfan und ich hatte keinen älteren Bruder oder Cousin, die Fußballverrückte waren und die mich irgendwann ins Stadion hätten mitnehmen können. Ich spiele zwar seit meiner Kindheit gerne Fußball, aber die Leidenschaft für eine Mannschaft kam erst später. Es war ein ziemlich langer Weg. Nennen wir es Selbsterziehung.

Soweit ich mich heute erinnern kann, habe ich 1986 die ersten Fußballspiele im Fernsehen verfolgt. Das war das Jahr, in dem ein rumänisches Team (Steaua Bukarest) den Europapokal der Landesmeister gewann. Das war eine sehr, sehr gute Mannschaft: im Halbfinale gewann sie gegen den RSC Anderlecht, der zuvor im Viertelfinale „unseren” FC Bayern eliminiert hatte.

Ich bin jedoch kein Anhänger von Steaua oder irgendeiner anderen rumänischen Mannschaft geworden. Es ist wahr, seit Mitte der 1990er Jahre hatte ich eine gewisse Sympathie für Sportul Studențesc București (ein Team, das es heute nicht mehr gibt), aber aus dieser Sympathie wurde keine wahre Liebe, obwohl ich mehrere Stadionspiele in der ersten, zweiten, dritten und vierten Liga besucht habe.

1986 fand auch die WM in Mexico statt. Und obwohl sich die gesamte Fußballwelt für einen Spieler (Maradona) begeistert hat und dieser in aller Munde gewesen ist, hat mir eine Mannschaft (Deutschland) mehr gefallen. Also habe ich versucht, mehr über den deutschen Fußball und die deutschen Fußballer zu erfahren. Das war aber ziemlich schwierig, denn im kommunistischen Rumänien gab es äußerst wenige Informationsquellen über alles, was mit dem demokratischen Westen zu tun hatte.

1989 – drei Jahre später wieder Maradona! (Es ist lustig, aber ich kann mich nicht an das Europapokalfinale 1987 gegen den FC Porto erinnern. Ich denke, dass ich es überhaupt nicht gesehen habe). Napoli spielte im Halbfinale des UEFA-Pokals gegen die Bayern und ein Klassenkamerad, ein großer Fan des Argentiniers, sagte zu mir, dass die Deutschen keine Chance hätten. Damals war ich noch kein Anhänger des FC Bayern, aber ich war kurz davor, einer zu werden.

Der Klassenkamerad hatte Recht. Die Italiener setzten sich ohne große Probleme durch, obwohl Diego kein Tor erzielte, und ich, irritiert von seinem Spott, fand keine anderen Worte wie: „Was hat der große Maradona getan? Hat er ein Tor geschossen? Nein!“. Ich ging zufrieden nach Hause, dass der FC Bayern mir die Chance gegeben hatte, zumindest diese Antwort zu geben 🙂 Seitdem interessiere ich mich ständig für die Ergebnisse der Münchner und habe angefangen, Fotos, Aufkleber und ähnliches zu sammeln.

Wie sehr ich inzwischen Fan geworden war, zeigte sich zwei Jahre später. Eines Abends im April 1991 spielten die Bayern in Belgrad gegen Roter Stern das HF-Rückspiel des Europapokals der Landesmeister. Dieses Spiel war das erste des FC Bayern, das ich von Anfang bis Ende gesehen habe. Ich habe es im bulgarischen Fernsehen verfolgt, war aber nicht sehr optimistisch, weil die Serben nach einem 2:1-Sieg in Deutschland auch zuhause mit 1:0 führten.

In der zweiten Halbzeit machten die Bayern das 2:1 und ich stürmte strahlend in die Küche, um mir für die Verlängerung ein paar Sandwiches zuzubereiten. Ich eilte zurück ins Wohnzimmer. Es war die 89. Minute und meine Eltern schliefen neben mir (wir hatten damals nur zwei Zimmer und einen Fernseher). Eine Minute später tat ich etwas, was ich noch nie zuvor bei einem Fußballspiel getan hatte: ich weinte (wegen dem Augenthaler-Aumann Eigentor). Mein Vater wachte auf und fragte mich: „Warum weinst du? Bist du verrückt?!”. Ich ging ins Schlafzimmer, ohne ihm zu antworten. „Nein Papa, ich bin Fan geworden“, würde ich ihn heute sagen 🙂

So begann meine Liebe zum FC Bayern. Seitdem fällt es mir etwas leichter, meiner Leidenschaft nachzugehen, weil Rumänien demokratisch geworden ist und die Informationsquellen langsam zahlreicher und vielfältiger geworden sind. Allerdings hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich überhaupt alle Spiele des FC Bayern sehen konnte, wenn ich wollte (dem Internet sei Dank!). Bundesligaspiele wurden erst später als die Premier League, die Serie A und La Liga im Fernsehen gezeigt.

Viele haben mich später für einen Erfolgsfan gehalten, aber am Anfang meiner Leidenschaft für den FC Bayern wusste ich fast nichts über die Vereinsgeschichte (Damals wusste z.B. nicht, dass der FC Bayern schon zweimal gegen rumänische Mannschaften gespielt hatte). Ok, ich habe herausgefunden, dass die Bayern in der Vergangenheit dreimal den Europapokal der Landesmeister gewonnen hatten. Dieses Detail erschien mir doch nicht so wichtig, weil diese drei Erfolge lange vor meiner Geburt passiert waren 🙂

2008 startete ich einen Blog über meine Leidenschaft und habe die ersten Spiele des FC Bayern als Sportjournalist im Stadion gesehen (1:0 und 3:0 gegen Steaua Bukarest, in der Champions League). Zwei Jahre später habe ich zwei weitere Spiele im Stadion gesehen, diesmal als „einfacher” Fan (4:0 beim CFR Cluj in der Champions League und 2:1 gegen Werder Bremen im DFB-Pokal). 2010 war auch das Jahr, in dem ich FCB-Mitglied wurde.

Neben einer Freundin beim Spiel CFR Cluj – FC Bayern (0-4), 3. November 2010.
Bild aus der FCB-Kurve während des Spiels CFR Cluj – FC Bayern.
Vor dem Spiel FC Bayern – Werder Bremen, 26. Oktober 2010.

Abschließend muss ich zugeben, dass es manchmal – zum Glück selten – frustrierend ist zu wissen, dass meine Schreie vor dem Fernseher der Mannschaft nicht helfen und den Gegner nicht einschüchtern können, wie dies bei den Schreien der Fans im Stadion der Fall ist. Der Frust verschwindet aber schnell und ich träume immer wieder davon, zukünftig bei mehr Spielen dabei zu sein.


Titelbild: Mit Mark van Bommel vor dem Spiel Steaua Bukarest – FC Bayern (0-1), 17. September 2008.

Zwei Videos:

https://www.youtube.com/watch?v=xJK-_PzpV2c – bin ab Minute 2:23 für einige Sekunden zu sehen und zu hören J

Veröffentlicht von gastautorfcbtotal

Gastautoren von FC Bayern Total

5 Kommentare zu „Eine Leidenschaft, die fast unbemerkt begann – die faszinierende Geschichte eines rumänischen Bayernfans

  1. Solche Geschichten liest man gerne, da kann man schon sehen das er kein Erfolgs Fan ist, bei ihm kommt es von Herzen. Ich wünsche ihm alles Gute weiterhin als Fan der FC Bayern München

  2. Danke für die netten Worte. Eines Tages hoffe ich, mich selbst „unter den riesigen Flutlicht-Strahlern […] bei gefühlt 50 Grad im Nacken” auch zu braten 😉

    1. Haha, das wünsche ich dir! Das legendäre Nou Camp, was für ein tolles Stadion! Da hast du meinen Artikel wohl auch gelesen… 😉

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