„Irre Ablösesumme“  für einen 13-Jährigen – scheinheilige Debatten in Fußball-Deutschland

Kommentar von Petersgradmesser

Der FC Bayern verpflichtet zur neuen Saison den 13-jährigen Offensivspieler Mike Wisdom von Borussia Mönchengladbach und setzte sich damit offensichtlich gegen die Ligakonkurrenten Dortmund und Leverkusen durch. Der deutsche Rekordmeister zahlt für ihn die „irre Ablösesumme“ von 300.000 EURO und Mike wird zunächst in die U15 integriert. So rauscht es seit gestern durch den deutschen Sportboulevard-Blätterwald nach einem SKY-Bericht. Die Fußball-/Bayernfans regen sich reflexartig auf, manche finden das sogar „widerlich“!

Ablösesummen im Jugendfußball – nichts Neues!

Der Großteil der 300.000 EURO fließt wohl an die Eltern von Mike Wisdom, die sich über eine sogenannte Signing Fee freuen dürfen. Daneben soll es Umzugspauschalen für die Eltern und ein Junioren-Gehalt für Mike geben. In der U15, für die der Youngster in München spielen soll, liegt das Gehalt bei maximal 400 EURO. Gladbach erhält laut Sky-Angaben als Ausbildungsklub lediglich 20.000 EURO.

An weiteren möglichen Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen. Es ist gut, dass keine Details über die Familie von Mike und ihre Verhältnisse bekannt sind. Mit dem Blick auf ähnliche Transaktionen in der Vergangenheit ist auch nichts völlig Außergewöhnliches zu entdecken.

Blicken wir auf das (Nachwuchs-)Fußballjahr 2016 zurück:

Der damals 11-jährige Youssoufa Moukoko zog mit seiner Familie von Hamburg nach Dortmund. St. Pauli wurde wohl vom BVB nicht entschädigt, dass aber Familie Moukoko ganz ohne eine Finanzspritze … Niemand ist so naiv, das zu glauben.

Im selben Sommer wechselte der 15-jährige Deutsch-Brasilianer Oliver Battista Meier – für den Autoren nach wie vor der beste Spieler der noch jungen FCB-Campus-Geschichte – für 500.000 EURO vom 1. FC Kaiserslautern in die U17 des FC Bayern.

Zwei Jahre später trafen sich die beiden im Finale um die Deutsche U17-Meisterschaft im Campus-Stadion des FCB (Titelbild). Der BVB gewann mit 3:2, Moukoko erzielte dabei den Siegtreffer für spielerisch klar unterlegene aber dafür sehr robuste „Jung-Borussen“. Bei den Bayern spielten neben OBM u.a. auch noch Joshua Zirkzee (Foto) und Angelo Stiller.

Und dann noch der „Königs-Kindertransfer der Fußballgeschichte“ im Jahr 2000: Das 13-jährige argentinische Supertalent Lionel Messi wandert mit seiner Familie aus, um sich dem FC Barcelona anzuschließen. Dass damals von Barca nur die Hormonbehandlung für seine Wachstumsstörungen bezahlt wurde, halte wohl nicht nur ich für ein Gerücht.

Sollte Mike Wisdom tatsächlich das Supertalent sein als das er einheitlich bezeichnet wird, dann ist diese Investition des FCB wohl eine mehr als moderate, speziell wenn man sie mit den derzeit veröffentlichten Ablöseforderungen von 30 Millionen EURO und mehr für eher „mittelklassige“ Kicker vergleicht.

Internationaler Wettbewerb – Premier League der Maßstab

Der Anspruch des FC Bayern ist es, und dies fordern auch mindestens 99% seiner Fans und Mitglieder, dass er jedes Jahr um den Sieg in der Champions League mitspielen kann. Aber selbst als absoluter Primus der Deutschen Bundesliga hat er eine Menge an Wettbewerbsnachteilen, wenn man Richtung England blickt.

Oliver Kahn bemerkte kürzlich gegenüber tz und Merkur zum Thema „Auslandsvermarktung“, dass die Bundesliga derzeit weniger als 150 Millionen EURO pro Jahr aus internationalen TV-Verträgen kassiert, die Premier League im gleichen Zeitraum mehr als 2 Milliarden EURO, als ca. das 14-fache!

In der Premier League gibt es keine 50+1-Regelung. Ich finde es gut, dass diese Bastion in Deutschland (noch) nicht gefallen ist, trotzdem stellt sie einen gewaltigen Wettbewerbsnachteil dar.

Dass uns scheinbar in Deutschland alles schwerer fällt, dokumentiert sich auch wieder in Corona-Zeiten:  (Nicht nur) In England wurden die Zuschauerbeschränkungen trotz höherer Inzidenzwerte viel früher aufgehoben. Die Verluste durch entgangene Ticketeinnahmen für die Bundesligisten (übrigens aller Mannschaftssportarten) waren immens.

Die Aufzählung der strukturellen Nachteile von FCB & Co ist damit nicht ansatzweise komplett. Gegenüber der spanischen Konkurrenz ließen sich z.B. Nachteile hinsichtlich der Spitzensteuersätze bei den Spielergehältern anfügen.

Der FCB – ein seriöser Verein ständig in den Negativschlagzeilen

Will sich der FC Bayern nicht leistungsmäßig der nationalen Konkurrenz nach unten anpassen, muss er sich einiges einfallen lassen. Er tut dies IMHO meist auf sehr seriöse Art und Weise, sieht sich aber wiederholt mit scharfer Kritik, nicht selten der eigenen Mitglieder und Fans, konfrontiert. Die aktuelle Debatte um Mike Wisdom dokumentiert dies einmal mehr.

Katar und die Ironie des Schicksals

Katar war kürzlich die erste Station einer Reise des Grünen Wirtschaftsministers Habeck, die dazu diente, die Abhängigkeit Deutschlands von russischen Energielieferungen zu mindern. Der Minister: „Moralische Einkäufe gibt es nicht.“ https://www.focus.de/politik/ausland/ukraine-krise/energiewende-in-der-krise-habeck-geht-gas-kaufen-ausgerechnet-die-scheichs-aus-qatar-sollen-liefern_id_70053639.html

Wie werden die kritischen FCB-Fans (Fußballfans) auf diese (notwendige?) Aktion des Wirtschaftsministers reagieren? Ähnlich scharf wie gegenüber dem eigenen Verein?

Vom höchst erfolgreichen Sportverein FC Bayern mehr Moral als von Mutter Teresa und Papst zusammen zu fordern, ist nicht angemessen, sondern vielmehr scheinheilig, weil die meisten Fordernden diesen extrem hohen Ansprüchen nicht einmal ansatzweise in ihrem eigenen Privat- und Berufsleben gerecht werden (können).

12 Kommentare zu „„Irre Ablösesumme“  für einen 13-Jährigen – scheinheilige Debatten in Fußball-Deutschland

  1. Ich gebe dem Autor in dieser Sache zu 100% recht: die mediale Empörung ist völlig unangemessen und wird der ganzen Angelegenheit in keiner Weise gerecht. Leider erleben wir das inzwischen mehr oder weniger regelmäßig, dass erst einmal ohne große Recherche medial „draufgehauen“ wird und mit entsprechender Empörung Klicks bzw. Leser/-innen generiert werden.
    In diesem Fall ist alles meiner Meinung nach völlig normal und vernünftig abgelaufen. Es gibt da schließlich auch ganz andere Beispiele (man denke nur an Oedegaard und Real Madrid…).

    Beste Grüße an die ganze Gemeinde!

    1. Ganz genau so ist es, mein kolumbianischer Freund 😉

      Stimmt, der Hype um Ödegaard vor ein paar Jahren. Damals wurde dem FCB vorgeworfen, dass man den Deal nicht zustande gebracht hat … Wie man es macht …

  2. Guter Beitrag von Petersgradmesser – in puncto der Nachwuchskicker sehr interessant zu lesen, wie es sich in den letzten Jahren verhalten.
    Womit ich jedoch etwas Bauchschmerzen habe, ist die Vermischung dieser Causa mit der Debatte um Katar. Ja, es handelt sich in beiden Fällen um Empörung, in puncto Katar allerdings imho zu recht.
    Auch sollte man die beiden Felder Außenpolitik und Fußballpolitik/Vermarktung nicht so sehr in einen Topf werfen. Der deutsche Staat ist durch die aktuelle Kriegssituation notwendigerweise auf der Suche nach Energiequellen; die Reise auf die arabische Halbinsel ist leider eine Notwendigkeit.
    Diesen Themenkomplex mit dem Sportswashing der Kataris durch Sponsorenverträge im Fußball zu vergleichen, finde ich nicht passend. Provokant gefragt: Macht es Katar wirklich zu einem guten und tollen Sponsoren, weil der Staat aktuell keinen Angriffskrieg gegen ein Nachbarland führt?
    Ums Kurz zu schreiben: Nein, meiner Meinung nach sollte nach wie vor der Deal mit Qatar Airways auslaufen.

    1. Danke zunächst für das Kompliment …

      Und dann sind wir wohl absolut unterschiedlicher Meinung: Wie soll man deine Argumentation am besten beschreiben? „Im Notfall trinkt der Teufel auch Weihwasser“? (ich will die deutsche Regierung aber damit nicht mit dem Belzebuben gleichsetzen, der sitzt um einiges weiter östlich … wahrscheinlich in einem Bunker …).
      Oder mit dem „Pippi-Langstrumpf-Lied“ … „…ich mach die Welt, wie sie mir gefällt ….“

      Sorry, aber konsequent geht durchaus anders … und passt in die „Scheinheiligkeitsdebatte“.

      Ich formuliere deine schon etwas über das Provokante hinausgehende Frage um: Darf man mit einem viel kritisierten Land Geschäfte machen, nur um seinen eigenen (Energie)Arsch zu retten? Wie viel Egoismus darf jeder persönlich haben? Benzin / Gas zum Heizen ist das ok für mich, obwohl ich den Staat ablehne …

      Diese Fragen, kann jeder (Moralapostel) gerne für sich beantworten …

  3. Der letzte Absatz ist sowas von wahr! Dafür müßte man dich tagelang feiern, lieber Peter! Zumal sich ein Herr Habeck bei den Scheichs von Katar als sehr devot zeigte. Das hohe moralische Roß war nicht zu erkennen … Willkommen in der Realität, ihr grünen Spinner!

  4. 100% Zustimmung zum letzten Absatz.

    Zur „Ablöse“: Die Älteren werden sich noch an die 1990er Jahre erinnern, Damals wechselten diverse DDR-Fußballer zu Bundesligaclubs. Besonders eifrig war damals Bayer 04 Leverkusen. Die „überzeugten“ ihre Neuzugänge wohl auch damit, dass deren Anverwandte auskömmliche Jobs im Bayer-Konzern bekamen. Hat sich damals wer drüber aufgeregt? Nein, und da zu recht. In einem freien Land ist alles erlaubt, was nicht verboten ist.

    p.s. Äußerst zurückhaltended war in dieser Zeit der FC Bayern. Alexander Zickler kam 1993 als Talent, das wars. Ddie Transfererlöse, die für einen Thomas Doll oder einen Matthias Sammer erzielt wurden, die kassierten andere. Auch eine Erklärung für die maue Bundesliga-Performance des FC Bayerrn in der ersten Hälfte der 1990er Jahre.

    1. „p.s. Äußerst zurückhaltended war in dieser Zeit der FC Bayern.” – gibt es dafür eine Erklärung? Hat der Verein das absichtlich gemacht oder war es reinen Zufall?

      1. wipf1953 hat damit recht. Und deine Frage hat natürlich ihre Berechtigung. Man müsste dazu wohl Uli Hoeneß und den damaligen Präsidenten Fritz Scherer befragen.

      2. Das war eine heiße Zeit. Für Bayern Leverkusen agierte Rainer Calmund, und der war einfach schnell und wusste, was er wollte. Angeblich war der nur wenige Tage nach dem Mauerfall in Ostberlin, um mit Andreas Thom zu sprechen – und das so laut, dass die noch existente Stasi in Andreas Thoms verwanzter Wohnung alles mithören konnte. Angeblich soll sogar der damalige Bundeskanzler angemerkt haben, es gehe nicht wenn Bayer Leverkusen jetzt alle Ost-Stars übernimmt. Und die Zurückhaltung von Uli Hoeness? Er soll das alles mal als „Menschenhandel“ bezeichnet haben – so was sagt er eigentlich nur dann, wenn er grad von der Konkurrenz ausgestochen wurde und er sich darüber aufregt.

        Aus der Erinnerung kann ich sagen, Bayern hatte damals einen schwach besetzten Sturm (McInally,Mihaijlovic, Mazinho, später Adolfo Valencia und Bruno Labbadia – der beste war noch Roland Wohlfahrt). Mit Thom und Ulf Kirsten hätte man einiges verbessern können). Aber ich denke, die zwei waren einfach schwuppdiwupp vom Markt.

  5. Nix Neues aus Gladbach:

    Seit Jahrzehnten wird traditionell jeder Spielerwechsel nach München mit einem Gejammer kommentiert: Del`Haye, Matthäus, Effenberg … in den letzten Jahren selbst von Nachwuchsspielern … Kurt, Cuisance … etc etc etc

    https://www.90min.de/posts/gladbach-news-roland-vorkus-mike-wisdom-13-jahriger-transfer/partners/44334

    Irgendwie nervt dieses permanente Mimimi vom Niederrhein schon … Wird Zeit, dass die Bayern auch diese Borussia auf dem Platz mal wieder so richtig zurecht weist … dann gäbe es Grund von ein Mimimi …

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