Sehr schwache Leistung in Villarreal – haben die Bayern ein mentales Problem?

Ein Kommentar

Der gestrige in nahezu allen Teildisziplinen sehr schwache Auftritt von verunsicherten Bayern in einem Champions League Viertelfinalspiel verwundert und wirft so einige Fragen nach den Gründen auf. In den Social Media Chats wird mehrheitlich die „falsche Taktik“ von Julian Nagelsmann angeprangert – das inhaltliche Niveau beschränkt sich jedoch dabei meistens auf die Frage, ob es überhaupt eine Taktik gegeben hätte. Die gestrige meist etwas flapsige Spielanalyse auf DAZN beinhaltete unter anderem die Frage, ob es bei den bisherigen Saisonpleiten des FCB ein Mustergegeben hätte. Sandro Wagner konnte keines entdecken, FC Bayern Total jedoch zumindest einen Ansatz für die unerklärlich schwache Leistung gestern.

Die bittersten Pleiten erlebten die Bayern in dieser Saison, wenn sie in den Tagen vor den Spielen durch andere Themen abgelenkt worden waren. Besonders offensichtlich kam dieses Muster beim Pokal-Debakel in Mönchengladbach zum Vorschein. Die Bayern hatten wenig personelle Probleme, die Tage davor waren jedoch von den Impfdebatten um Joshua Kimmich und dem Gerichtsprozess von Lucas Hérnandez in Spanien geprägt. Die Truppe scheint sich in dieser Saison in einem ganz speziellen Maß von solchen „Nebenthemen“ ablenken zu lassen.

Auch die Niederlage zum Rückrundenstart kann man hierzu zählen. Extrem personalgeschwächt durch viele kurzfristige Corona-Infizierungen spielte die Rumpftruppe der Bayern zuhause gegen Borussia Mönchengladbach grundsätzlich nicht schlecht, ging aber wegen einer Vielzahl an unkonzentriert ausgelassenen Torchancen letztendlich unglücklich mit 1:2 als Verlierer vom Platz. Tagelang war zuvor diskutiert und spekuliert worden, ob das Spiel überhaupt stattfinden sollte. Wahrscheinlich schlich sich still und leise in die Köpfe der Spieler der Gedankengang ein, dass eine Spielansetzung eigentlich ungerecht sei – förderlich für die Konzentration auf ein wichtiges Spiel ist das sicher nicht.

Und jetzt vor der Pleite in Villarreal die unsäglichen Diskussionen um den „Wechselfehler“, um das „Wechselchaos“ in Freiburg. Die Leistung in Freiburg war insgesamt stark, wie kann man es sich sonst erklären, dass quasi die komplette Mannschaft vier Tage später um zwei Klassen schlechter spielt? Für mich waren gestern die beiden einzigen mit einer ansprechenden Leistung Kingsley Coman und vor allem Jamal Musiala. Leider war gerade Letzterer mit einer defensiven Unkonzentriertheit der Ausgangspunkt beim einzigen Treffer des Abends zum 0:1.

Stellt sich also tatsächlich die Frage, ob sich die Bayern in der Saison 2021/22 mehr von Nebenkriegsschauplätzen ablenken lassen als in den vielen Jahren zuvor. Ist diese eigentlich hochtalentierte Mannschaft sensibler als die Teams zuvor? Die aktuellen Krisenzeiten bieten generell viele Ansätze, den eigentlichen Fokus zu verlieren und abgelenkt zu werden. Eine über zweijährige Pandemie mit immer neuen Facetten, von welchen der Spitzensport extrem tangiert ist. Ein Krieg in Europa, wie man ihn sich Jahrzehnte lang nicht hat vorstellen können. Und dann noch eine Turbulenz um eine Spielerauswechslung, wie sie in der 59-jährigen Bundesligageschichte noch nie vorgekommen ist …

Wie mental stark sind diese Bayern? Es wird immer behauptet, dass dies ihre ganz große Stärke wäre. In der laufenden Saison hat man jedoch oft das Gefühl, dass mentale Stärke bei den Bayern vom sog. „Spielglück“ abhängig ist. Gestern ein früher zu dem Zeitpunkt überraschender Rückstand – von diesem haben sich die Burschen das ganze Spiel nicht erholt.

Thema Vertragsverlängerungen

War es ein Zufall, dass gestern gerade die absoluten Führungsspieler Robert Lewandowski, Thomas Müller und auch Manuel Neuer mit dem Riesenlapsus, welcher glücklicherweise nicht zu einem Gegentor führte, zu den allerschwächsten zählten?

Hatte Lewy überhaupt eine Handvoll Ballkontakte? War er tatsächlich die gesamte Spielzeit auf dem Platz? Er war nicht nur nicht ins Spiel eingebunden, er war quasi inexistent. So passiv habe ich ihn in fast acht Jahren FCB noch nie gesehen! Oder ist er aber vielleicht doch körperlich angeschlagen?

Thomas Müller und die 100%ige Torchance gestern. Kläglich vergeben. Wobei ich ehrlicherweise sagen muss, dass ich denke, dass der VAR den Treffer wegen Abseits sowieso einkassiert hätte.

Serge Gnabry war ebenfalls nur ein Schatten seiner selbst.

Welche Auswirkungen haben die in den Medien seit Monaten diskutierten Vertragsverlängerungen dieser vier absoluten (Welt-)Klassespieler auf ihre Leistungen? Gestern wirkten sie allesamt unkonzentriert, fahrig, apathisch.

Was muss bis zum Rückspiel passieren?

Eigentlich schon gegen den FC Augsburg muss sich die gesamte Truppe wieder viel mehr auf den Fußball konzentrieren (können). Hoffentlich kommt hierzu noch bis zum Wochenende ein faires und somit für Bayern positives Urteil zum „Wechseltheater“ in Freiburg. Vielleicht auch noch einmal an dieser Stelle ein herzliches Danke an die fairen Freiburger (Vorsicht Ironie und Sarkasmus!). Wie es mir bei den aktuellen Bayern leider fast erscheint, würde ein negatives Urteil nicht die von vielen erwartete Wut und das „Jetzt-erst-recht“ auslösen, sondern eine weitere Verkrampfung.

Vielleicht sind die Bayern aber auch viel stabiler als von mir befürchtet – ich hoffe es. Das Spiel gestern erinnerte stark an die ebenso schwache Leistung im CL-Viertelfinal-Hinspiel 2015 bei Porto (1:3). Das Rückspiel in München eine Woche später war damals vor allem in der 1. Halbzeit eine Machtdemonstration gewesen – 6:1 (5:0). Das Titelbild zeigt die Südkurvenchoreografie vor dem Spiel. Möge sich alles wiederholen!

Optimismus vor dem Rückspiel

Eigentlich kann Bayern nicht zweimal in Folge so schlecht wie gestern Abend spielen. Und vielleicht spielt Villarreal auch nur einmal so gut wie gestern? 😉  Nur gut, dass das spanische Zielwasser gar so schlecht war, sonst wäre es am Dienstag eine Mammutaufgabe. Ein Sieg mit zwei Toren Unterschied gegen den FC Villarreal sollte aber eigentlich für einen FCB in Normalform immer möglich sein. Werden die Heimfans in der Arena ähnlich großartig sein wie gestern die Auswärtsfans in Spanien wird dies noch wahrscheinlicher. Hier zwei Fotos aus dem Münchner Block in Villarreal.

Vielleicht kann Alphonso Davies beim Rückspiel noch mehr Faktor sein. Seine Dynamik tat gestern sehr gut, aber natürlich war die fehlende Spielpraxis von fast vier Monaten sehr auffällig.

PS: Bayerndusel – Bayernbonus

Ja, das Ergebnis hätte gestern Abend noch viel übler für die Bayern sein können (Bayerndusel! 😉 ), auch wenn die Spielstatistiken (aus Bayernsicht) etwas anderes vermitteln möchten:

22:12 Schüsse, davon 4:1 aufs Tor, 6:3 Ecken, 62% Ballbesitz, 59% gewonnene Ballduelle.

Zur kurzen Erklärung: Ein Schuss an den Pfosten (Villarreal) zählt in solchen Statistiken wie ein Schuss neben das Tor. Ein (knapper) Abseitstreffer kommt gar nicht in die Statistik.

Auffällig dagegen: Nur 33% der Luftzweikämpfe wurden von den Bayern gewonnen! Ich denke dabei an die vielen unnötigen aber auch schlechten Flanken unserer Jungs. Und dann fällt mir dazu natürlich auch die Situation im Strafraum der Spanier in der Nachspielzeit ein: Leon Goretzka erlitt bei einem Ellbogencheck eine klaffende Gesichtwunde!

Und jetzt bin ich einmal mehr verwundert: Passiert so etwas irgendwo im Mittelfeld, ist die anschließende Diskussion meist „noch gelb oder schon rot“. (Einen Platzverweis habe ich eigentlich immer als übertrieben gesehen) Aber passiert es im Strafraum, reicht das nicht für einen Elfmeter aus?! REALLY??!!

Fazit: Zum Bayerndusel gab es gestern ganz sicher keinen Bayernbonus in Villarreal!

NIEMALS AUFGEBEN!!!!!

6 Kommentare zu „Sehr schwache Leistung in Villarreal – haben die Bayern ein mentales Problem?

  1. Die Bayern waren keinesfalls „bieder“ . Die Spieler sind angehalten den taktischen Vorgaben des Trainers zu folgen. Leider versucht der mit immer neuen Varianten zum Erfolg zu kommen. Das machen halt „Lehrlinge“ so. Wenn Lewi keine Bälle bekommt kann er auch kein Tor schießen , wenn die Abwehr ständig leicht aus zu spielen ist, liegt das nicht am einzelnen Spieler . Die Aussage die Besten auf zu stellen spricht für sich . Nur das beste Team bringt Erfolg , clevere Trainer wissen das !

    1. Könntest du deine Gedanken bitte etwas konkretisieren: „Leider versucht der (Trainer) mit immer neuen Varianten zum Erfolg zu kommen.“
      Das ist ja eigentlich der Job jedes Trainers.

      Und ja, Spieler sollten die taktischen Vorgaben des Trainers umsetzen. Aber ist er auch Schuld daran, wenn sie das nicht schaffen?

      Es wurden eine Menge individuelle Fehler gemacht, speziell beim 0:1 (welches leider das ganze Spiel zu Ungunsten des FCB geprägt hat). Nagelsmann hat auf der PK genau erklärt, welche Vorgaben es gibt, um so etwas zu verhindern. Entweder muss Musiala mit dem Mann mitgehen. Weil dies aber schwierig war, weil sich der im Rücken von Jamal „weggeschlichen“ hat, hätte einer „aus der Kette“ rauskommen müssen. Beide Vorgaben des Trainers wurden nicht eingehalten, so ist dann das Tor gefallen. Und Nagelsmann soll am Fehlverhalten der Spieler Schuld sein?
      Müller säbelt 3 Meter vor dem Tor am Ball vorbei, Neuer gibt eine Vorlage für eine 100%ige Torchance des Gegners, Lewy nimmt gar nicht am Spiel teil (normalerweise lässt er sich in solchen Spielen auch mal „fallen“, sprich holt sich die Bälle im Mittelfeld) … dafür ist der Trainer verantwortlich?

      Was wäre gestern für dich das beste Team gewesen? Davies schon so früh zu bringen, war mutig, aber sonst? Auch die Einwechselspieler haben nicht mehr Schwung gebracht ….

  2. Interesante Hypothese… In solchen Situationen vermisse ich Spieler wie Effenberg (mein erster FCB-Lieblingsspieler), Kahn, Jeremies, Van Bommel, Ribery… Sie konnten ihre Mitspieler aus der Lethargie wecken. Solche Typen haben wir heute nicht. Kimmich ist der einzige, der ein altmodischer Leader werden kann. Die anderen scheinen zu soft zu sein.

    1. Auch die Niederlage in Augsburg war nach einer Länderspielpause voller „Corona-Turbulenzen“.

      Aber es gibt auch noch ein zweites „Muster“: Das sich offensichtlich nicht konzentrieren können auf die „kleinen Gegner“. Und die – speziell Augsburg im Hinspiel und Bochum – haben dann den besten Tag der Saison erwischt, Bochum wahrscheinlich die beste Halbzeit der letzten 20 Jahre … oder seit 1976 …. 😉

      Die Unkonzentriertheiten gegen sog. kleine Gegner – Villarreal kann man international wohl auch dazu zählen – sind für mich persönlich auch unter der Rubrik „mentales Problem“ einordnen.

      Die Mannschaft ist zu Außergewöhnlichem fähig, kann dies aber „unter gewissen Umständen“ nie abrufen.

      Leadertypen vom „alten Schlag“: ich weiß nicht, ob ich die wirklich vermisse – speziell, wenn ich einen Effenberg heute in TV-Diskussionen sehe. Die Hierarchien sind spätestens seit der Ablöse von Ballack durch Lahm 2010 im deutschen Spitzenfußball flacher. Finde ich persönlich besser.

      Ich denke, dass aktuell bei Bayern Müller, Lewy, Neuer, Kimmich die Leader und Motivatoren sind – aber auf eine andere Art und Weise. Mit den von dir genannten Spielern gab es übrigens prozentual viel mehr schlechte Spiele als aktuell 😉 2001 musste der Kaiser die Truppe um Effenberg und Kahn auf dem Weg zum CL-Triumph aufwecken!

      Bei Pleiten wie in Villarreal gibt es natürlich nie nur einen Grund – das ist ein Mix. Ich halte aber das aktuelle Team für sehr sensibel (mental 😉 ). Bei einem günstigen Spielverlauf („Spielglück“) ist es eine zerstörende Maschine, wenn es aber von Anfang an weniger gut läuft, macht sich schnell eine gewisse Ratlosigkeit breit. Das macht in Hinblick auf die ganz großen Ziele durchaus Sorgen. Was Hoffnung macht: Wenn man die Hürde Villarreal nehmen sollte, warten nur noch die ganz großen Nummern – und „Bayern kann eigentlich Spitzenspiel“ 😉

      Schaun ma mal und bleiben optimistisch 🙂

  3. Aus dem heutigen TZ-Interview mit dem Sportpsychologe Matthias Herzog:

    – „Diese schwankenden Leistungen bereits während der gesamten Saison sind nur über den Kopf erklärbar. Es ist ja nicht so, dass die Spieler in einer Partie die Fähigkeiten von Weltklassespielern besitzen und im nächsten Match das Fußballspielen verlernt haben. Die Grundfähigkeiten sind immer da. Die Frage ist nur, ob sie sie im Kopf abrufen. Und da tun sich die Bayern aktuell extrem schwer.”

    – „Die Bayern sind einfach satt. Sie gewinnen die zehnte Meisterschaft. Champions League ist auch erst zwei Jahre her. Die Spieler wirken aktuell teils eher beratungsresistent. Dazu zweifle ich an, dass alle wirklich willig und hungrig sind.”

    Was meint ihr dazu?

    1. Natürlich volle Zustimmung zu Absatz 1.

      Absatz 2 halte ich persönlich eher für Blödsinn … am Dienstagabend wissen wir wahrscheinlich dazu etwas mehr. Kommen die Bayern mit einer starken Leistung weiter, wie von Trainer und Spielern versprochen, dann ist das Quark … wenn nicht ….

      Das „Muster“ ist ja jedesmal eine „spezielle anlenkende Situation“ vor den Spielen oder ein scheinbar nicht allzu schwerer Gegner … In „Spitzenspielen“ wurde eigentlich immer abgerufen.

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