Umstrittene Fußballregeln

So langsam hat man sich an den Einsatz des VAR – wenn man nicht kritischer Fußball-Ultra ist („Sch***-DFB!“) – gewöhnt. Er schafft trotz seiner negativen Nebenerscheinungen – z.B. Torjubel mit extremer Zeitverzögerung – einfach viel mehr Gerechtigkeit, auch wenn es manchmal für eine Mannschaft sehr bitter ist. Arminia Bielefeld sah dies gestern bestimmt so. Neben dem immer noch heiß diskutierten VAR gibt es aber auch einige andere Regeln, die entweder permanent – leider selten zum Besseren – oder nie geändert werden.

Dauerthema Handspiel

Die älteren Fußballfans und früheren aktiven Kicker werden sich wohl kaum daran erinnern können, dass das Handspiel im Fußball vor 20, 30 Jahren oder noch früher ein permanent diskutiertes Thema war. Es gab einfach umzusetzende Regeln: Arm / Hand vom Körper abgespreizt – Ballberührung – Freistoß bzw. Handelfmeter. Arme am Körper angelegt – keine Ahndung. „Absichtliches Handspiel“ ist auch ein Begriff, den es schon sehr lange im Fußball gibt, „unnatürliche Armhaltung“ dagegen eher ziemlich neu. Was soll denn bitte bei einem Körper in einer dynamischen Bewegung „unnatürlich“ sein?

Wenn man genauer hinschaut, dann ist dieses Dauerthema auch eher eines im Profifußball mit Tausenden Wiederholungen und Zeitlupen und verschiedenen Perspektiven als im Amateurbereich ohne all diese technischen Hilfsmittel.

Und wenn man das Thema weiter einschränken möchte, dann geht es im Kern ausschließlich um Aktionen im Strafraum und bei der Torerzielung. Während bei den Abwehraktionen die Handspiel-Regeln für den Fan, die Spieler, aber zum großen Teil offensichtlich – leider – auch für die Unparteiischen diffus bleiben, scheint man für die Torerzielung eine eindeutige klare Regel gefunden zu haben: Gibt es bei der Entstehung zu einem Tor eine Berührung mit Hand oder Arm, egal ob „eigentlich strafbar“ oder nicht, dann zählt das Tor nicht! Bei Abwehraktionen wird unterschieden und abgewogen – bei Torerzielung dagegen soll es ein kategorisches „zählt nicht“ geben! Für mich eine sehr eigenartige, sogar extrem ungerechte Regel. Wer das überragende Tor von Chelseas Marcos Alonso im CL-Viertelfinal-Rückspiel in Madrid gesehen hat, welches dann der VAR einkassiert hat, weiß, was ich meine. Eine minimale Berührung mit dem Unterarm, die Richtung des Balls wird nicht verändert – aber die Regel sagt Handspiel.

Wie so häufig ist man bei dieser Regel(änderung) von einem Extrem ins andere gekommen. Ich erinnere mich an ein Spiel Schalke 04 – Bayern. Es war der 2. Spieltag der Saison 2014/15: Der frisch gebackene Weltmeister Höwedes erzielte das Schalker Ausgleichstor mit seinem ausgestrecktem Arm – damals gültig, weil er „angeschossen“ wurde. Die Regel damals, aber auch heute abenteuerlich und ein weiteres Mal verbesserungswürdig.

Dauerthema Kopfballduell mit Verletzungsfolge

Während man beim Handspielthema offensichtlich unterschiedlich bewertet, ob es sich um eine Offensiv- oder Defensivaktion handelt, bewertet man Kopfballduelle mit Verletzungsfolge anscheinend unterschiedlich, je nachdem wo dieses Duell statt findet.

Um sich bei einem Kopfball nach oben zu schrauben, nimmt man die Arme mit einer Schwungbewegung zu Hilfe – ganz ähnlich dem Fosbury-Flop beim Hochsprung in der Leichtathletik. Letztendlich befinden sich durch diese Bewegung die Arme, die Ellbogen auf Kopfhöhe. Tatsächlich eine „natürliche Bewegung“.

Beim CL-Hinspiel in Villarreal wurde Leon Goretzka kurz vor Spielende im Strafraum der Spanier bei einem Kopfballduell per Ellbogenschlag ausgeknockt. Eine klaffende blutende Wunde im Augenbereich war die Folge – jedoch kein Elfmeter. Es wurde von „keine Absicht“, einmal mehr von „nicht genug für einen Elfmeter“ gefaselt.

Ich wunderte mich schon vor 12 Tagen sehr, warum auf diese Art und Weise argumentiert wurde und meinte dazu: Wäre dieselbe Aktion irgendwo im Mittelfeld passiert, würde man ausschließlich über die Farbe der Karte diskutieren. Und dann räumt gestern Tanguy Nianzou (Titelbild – Trainingsduell mit Coman), den Julian Nagelsmann ausdrücklich für seine Kopfballstärke lobte, den Bielefelder Fabian Kunze bei einem Kopfball im Mittelfeld per Ellbogen ab – und die Diskussion, warum nur Gelb und nicht Rot entzündete sich. Zur Feststellung: Goretzka und Kunze mussten beide verletzungsbedingt ausgewechselt werden.

Ja, Nianzou ist „ungestüm“ in diesen Zweikampf gegangen. Er hat aber dazu vor allem seine Technik, die ihn zu einem hervorragenden Kopfballspieler macht, benützt. Dass er bei dieser Aktion den Bielefelder Spieler verletzen wollte, ist kaum anzunehmen – „keine Absicht“ also!

Warum aber eine derart unterschiedliche Bewertung eines Foulspiels, welches vor allem durch die Dynamik der Bewegung entsteht? „Kein Foul“ steht einer allgemeinen Bewertung „eher Rot als Gelb“ gegenüber! Auch unverständlich, wenn man bei der ganzen Sache die alberne Argumentation mit dem „Bayern-Bonus“ weglässt.

Eine Regeländerung im Fußball, dass man zum Kopfball nicht mehr den Schwung der Arme benützen darf, steht wohl kaum im Raum. Aber warum werden Fouls im Strafraum – übrigens auch bei anderen „Vergehen“ – anders bewertet als irgendwo auf dem Feld?

Gerne hierzu eine sachliche – bitte über die Vereinsfarben hinaus – Diskussion!

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

4 Kommentare zu „Umstrittene Fußballregeln

  1. zu allererst: Ich wünsche dem Arminenspieler alles Gute und schnelle Genesung!

    zu Nianzou – meine Sicht der Dinge: unnatürliche Armbewegung nein („Schwung holen vor dem Absprung“), Absicht sicher nein, bösartig nein, klares Foul JA (weil der Arm da oben im Flug einfach nichts verloren hat und potentiell gefährlich ist). Gelb aus meiner Sicht ok, rot wäre zu hart gewesen, aber wohl auch keine krasse Fehlentscheidung. Dazu muss eine böse Absicht bzw. grobe Unsportlichkeit vorliegen, und dass sich der Gegenspieler hier verletzt hat, war auch ein Stück weit Pech. Solche Zweikämpfe enden zu 99% glimpflich. Grundsätzlich fände ich es aber gut, wenn sich der Schiri solche Szenen selber noch einmal auf dem Bildschirm anschaut und es NICHT dem VAR im Kölner Keller überlässt. Das ist gestern leider nicht passiert. Wieder einmal. Blöd! Es hätte Druck vom Kessel genommen!

    PS. dass die Arminen das aus der Emotion heraus anders sehen und über mehr als gelb diskutieren, finde ich legitim. Man KANN diese Szene definitiv kontrovers sehen. Und da hat man dann schnell auch die Vereinsbrille auf (das würde vielen von uns nicht anders gehen)… und gestern hat die Arminia in vielen Szenen „VAR-Pech“ gehabt (zentimeterweises Abseits etc.).

    1. Und was meinst du zur unterschiedlichen Handhabung innerhalb des Strafraums (Goretzka in Villarreal) und außerhalb (gestern in Bielefeld?

      1. Für mich auch ein klares Foul an Goretzka und damit Elfmeter. Im Mittelfeld wirken solche Szenen fast noch etwas „dramatischer“, da gefühlt unnötiger als bei einer Verteidigungsaktion im Strafraum. Die Bewertung sollte aber natürlich gleich sein.

  2. die beschriebenen Szenen wird`s im Fußball immer mal geben . Leider ist die Auslegung für die Schiris nicht einfach zu klären. Nianzou hat sicher nicht absichtlich gehandelt , wie auch der Spanier. Leider wird die Regelauslegung durch das Einschalten des VAR für die Schiris beeinflusst ! Wie beim Handspiel wird durch ständige Regeländerungen mehr Unsicherheit gefördert als nötig. Unterschiedliche Bewertungen sind das Ergebnis . Fußballregel müssen einfach und verständlich bleiben , nur dann kann ein Schiri einheitlich bewerten .

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