Heute vor 10 Jahren: Das verlorene „Finale dahoam“

Ein Fanbericht von Petersgradmesser

19. Mai 2012 – Finale dahoam gegen den FC Chelsea – unfassbar, ist dieser so brutale, vielleicht traurigste aber irgendwie auch schaurig-schöne Tag meiner FCB-Fangeschichte (seit 1970!) tatsächlich schon so lange her?!

Die Erinnerung daran ist aber immer noch hellwach …

Als im Januar 2009 das Exekutivkomitee der UEFA in Nyon die Allianz Arena in München als Austragungsort des Endspiels der Champions-League-Saison 2011/12 bekannt gegeben hat, wagten nur die größten Optimisten unter den Bayernfans zu hoffen, dass die eigene Mannschaft in diesem Finale eine Rolle spielen könnte. Denn trotz zahlreicher deutscher Doubles in den vorangegangenen Jahren hatte seit dem gewonnenen Finale 2001 in Mailand gegen Valencia keine Bayern-Mannschaft mehr das Viertelfinale in der Champions League überstanden.

Eine erste Hoffnung keimte unter den Bayernfans zum Ende der Saison 2009/10 auf, als der FC Bayern erst an der letzten Hürde zum erstmaligen Triple in der Vereinsgeschichte, Inter Mailand, mit 0:2 im Champions League Finale in Madrid gescheitert ist. Ab diesem Zeitpunkt schien es wieder möglich zu sein, das Finale dahoam erreichen zu können.

In der darauffolgenden Saison, der zweiten unter Louis van Gaal, lief jedoch fast alles, was im Jahr zuvor noch funktioniert hatte, schief. Kurz vor Saisonende war selbst der dritte Platz in der Bundesliga, der damals für die Champions League Qualifikation benötigt wurde, in Gefahr. So wurde van Gaal fünf Spieltage vor dem Saisonende entlassen: Der FCB stand zu diesem Zeitpunkt auf dem vierten Tabellenplatz – hinter Hannover 96! Van Gaals Co-Trainer Andries Jonker übernahm den Trainer-Chefposten und man konnte im Saisonendspurt Hannover noch hinter sich lassen! Die Katastrophe war glücklicherweise abgewendet, ein Champions League Finale (nach 15 Jahren einmal wieder) in München und der FC Bayern nicht für den Wettbewerb qualifiziert – undenkbar!

Jupp Heynckes kam im Sommer 2011 als Trainer wieder zurück an die Säbener Straße und im Sommer verstärkte sich der Verein u.a. mit Manuel Neuer und Jerome Boateng, um sich den Traum vom Finale dahoam zu erfüllen.

Und um sich diesem Traum auch selbst etwas näher zu fühlen, bewarben sich einige Fußballkumpels und ich bereits im frühen Sommer 2011 beim FC Bayern für die begehrten Finaltickets!! 😉

Nach einem etwas holprigen Bundesligastart, bei dem ausgerechnet die beiden Neuzugänge Boateng und Neuer die 0:1-Heimniederlage gegen Borussia Mönchengladbach am ersten Spieltag „perfekt“ gemacht hatten, kam der „FCB-Express“ in der Saison 2011/12 immer besser ins Rollen: Man überstand die CL-Quali-Runde gegen den FC Zürich mühelos, war in der Bundesliga bald souveräner Tabellenführer und qualifizierte sich in der Champions League ebenso souverän als Gruppensieger in einer sogenannten „Todesgruppe vor Napoli, ManCity und Villarreal. 

Im Achtelfinale wurde der FC Basel insgesamt klar mit 0:1 und 7:0(!) eliminiert. Olympique Marseille, welches in der Vorrunde den damaligen amtierenden deutschen Meister Borussia Dortmund (3:0; 3:2) ausgeschaltet hatte, stellte im CL-Viertelfinale bei den beiden 2:0-Siegen noch weniger ein Problem dar.

Aber im Halbfinale wartete mit den Königlichen aus Madrid ein ganz anderes Kaliber auf die Bayern: Nach einer wahren Schlacht über mehr als 210 Minuten (2:1 in München durch ein Tor von Gomez in der Nachspielzeit; 1:2 n.V. im Bernabeú) zeigten die Bayernspieler im Elfmeterschießen die besseren Nerven: CR7 und Kaka scheiterten jeweils am glänzend reagierenden Manuel Neuer, während bei Bayern zunächst der damals blutjunge Alaba und Gomez trafen. Der Finaleinzug war zum Greifen nahe. Als jedoch Kroos und Lahm ihrerseits – bei einem sicher verwandelten Elfmeter von Xabi Alonso – scheiterten, schien das Halbfinale eine dramatische Wende zu erfahren. Jedoch verschwand Ramos´ nächster Elfmeter im Nachthimmel von Madrid und Schweinsteiger konnte mit seinem souverän verwandelten Elfmeter den so sehr herbei gesehnten Finaleinzug im eigenen Stadion perfekt machen: Die Spieler verwandelten sich auf dem Rasen des Bernabeu-Stadions in eine einzige Jubeltraube vor der Fankurve der mitgereisten Fans, während wir zu Hause in ähnlicher Besetzung wie beim WM-Finaleinzug 1982 über Frankreich (8:7 ebenfalls nach Elfmeterschießen) einen ähnlichen Jubeltanz wie 30 Jahre zuvor ablieferten 😉

Noch während der Jubelfeiern zu Hause in München gab es die ersten Telefonate, bei welchen versucht wurde, alle vorhandenen „Connections“ hinsichtlich einer erhofften Finalkarte zu erreichen – nicht sehr erstaunlich waren die meisten telefonischen Anschlüsse an jenem Aprilabend dauerhaft besetzt! 😉

Als es wenige Tage später Meldungen seitens des FCB gab, dass es für die von der UEFA dem Verein zur Verfügung gestellten 17.500 Tickets in der Südkurve ca. 1,2 Millionen Bewerber gäbe, sah ich – Jahreskartenbesitzer aber nicht Auswärtsfahrer – persönlich meine Chancen auf ein Minimum sinken, selbst an ein Ticket zu kommen. Umso glücklicher und nahezu sprachlos war ich, als ich genau zwei Wochen vor dem Finale per Email informiert wurde, dass wir zu Viert nebeneinander Tickets für das Finale bekommen hatten – ein Wahnsinn!

Die Premiere meines neuen „Finale dahoam“ Shirts ging leider beim Pokalfinale gegen den BVB (2:5; dreimal Lewandowski!) eine Woche vor dem Spiel in München gründlich daneben. Dennoch war die Grundstimmung für das Finale gegen Chelsea London positiv – Endspiel zu Hause, anderes Spiel, anderer Gegner!

Wir vier glücklichen Kartenbesitzer hatten für den Finaltag vereinbart, dass wir uns schon am frühen Nachmittag im Augustiner-Biergarten treffen wollten und von dort wollten wir uns langsam mit dem Fahrrad Richtung Allianz Arena, welche für diesen Abend in „Fußball Arena München“ umbenannt worden ist, bewegen. Nachdem ich selbst in Planegg, im südwestlichen Landkreis München wohnte, hatte ich somit selbst meine kleine sportliche Herausforderung für diesen Tag!

Nach einem ausgiebigen Frühstück bin ich ca. um 11 Uhr jenes „geschichtsträchtigen“ 😉 19. Mai 2012 mit dem Fahrrad Richtung Münchner Innenstadt losgefahren – ich wollte „Atmosphäre pur“ schnuppern. Und als ich schon auf dem ersten kleinen Wegstück von mehreren Leuten telefonisch kontaktiert wurde, die eigentlich mit Fußball gar nicht so viel am Hut haben, aber mir alle „viel Spaß“, „viel Glück“, „viel Erfolg“ wünschten, wusste ich definitiv: Das ist ein ganz besonderer Tag!

Als ich am späten Vormittag über die Theresienwiese gefahren bin, war noch nicht so viel davon zu bemerken, dass dort am Abend einige Zehntausende Fans beim Public Viewing  mit den Bayern mitfiebern würden. Es war ein wunderschöner Frühsommertag – geradezu wie gemalt für das größte Fußballfest der Münchner Stadtgeschichte! Auf dem Weg von der Wiesn zum Stachus kam ich an den ersten Chelsea-Fans vorbei: Dem Wetter entsprechend frühstückten die meisten im Freien vor irgendwelchen Restaurants, Cafés, Kneipen – Bier floss da noch nicht! 😉

Bayern-Fans sah man natürlich in ganz anderen Massen. Ich hatte zu dem Zeitpunkt (mittags) das Gefühl, dass sich alle in Richtung Fußgängerzone aufgemacht hatten, wie ich selbst auch. Am Stachus stellte ich mein Fahrrad ab und tauchte dann für ca. 90 Minuten in die „rote Masse“ zwischen Stachus und Marienplatz ein. Die Stimmung war ausgelassen und friedlich. Von überall her kamen kleinere und größere Fanscharen, die meist schon quasi zum Einstand ihre Schlachtgesänge zum Besten gaben. Am meisten beeindruckte mich dabei eine Fangruppe, die – sich dem Marienplatz nähernd – mit „Niederbayern Niederbayern hey hey!“ auf sich aufmerksam machte. Die Jungs hatten derart kräftige und tiefe Stimmen, dass man kurzzeitig das Gefühl hatte, eine ganze Stadionkurve würde gerade eintreffen. Tatsächlich waren es aber wohl nicht viel mehr als 50 junge Männer….

Meine Vorfreude auf das Finale am Abend stieg mehr und mehr. Die ganze Stadt schien sich in Rot und Weiß auf ein gigantisches Fußballfest vorzubereiten!

Aber wo waren eigentlich die englischen Fans? Hatten die so wenig Vertrauen in ihre eigenen Defensivkünstler, dass man nur vereinzelt nach München gekommen ist? In der Innenstadt waren es wirklich nur sehr wenige. Und die waren einzig und allein auf der Suche nach Endspieltickets, fast alle hätten sogar „Mondpreise“ für ein Ticket bezahlt. Einer hätte mir EUR 2000 für mein Ticket (in der Südkurve! 😉  ) gegeben – ich hätte meine Karte aber auch nicht für das 5-fache Angebot eingetauscht! Es war zwar nach 1993 und 1997 schon das 3. CL-Finale, welches ich live in einem Münchner Stadion sehen sollte, aber das erste mit „meinen Bayern“.

Und die Chelsea-Fans fand ich dann doch noch – und das noch dazu im Hofgarten, einem meiner absoluten Lieblingsplätze in München! Dort hatten sie wohl ihren vereinbarten Treffpunkt – und was für ein krasser Gegensatz: einer der schönsten Orte Münchens war proppenvoll mit Tausenden englischer Fans, bei deren Anblick einem der Ausdruck „attraktiv“ sicherlich als letztes einfiel. Es war vielmehr eine massenhaft Bier konsumierende grölende Horde – die wahrscheinlich erst dann wieder aus meinem Gedächtnis verschwinden wird, wenn ich einmal wieder im Hofgarten sein werde, wenn der FCB sein nächstes „Finale dahoam“ gewonnen haben wird!  😉 

Selbst radelte ich dann zum vereinbarten Treffpunkt in den Augustiner Biergarten in der Arnulfstraße. Dort angekommen konnte ich meinen Augen kaum trauen: Der mir vertraute große Biergarten war von der Publikumszahl her wahrscheinlich auf das drei- bis vierfache angeschwollen im Vergleich zu „vollen Hochsommertagen“. Die Stimmung war gigantisch – Fangesänge im Minutentakt, an welchen fast immer der ganze Biergarten teilnahm. Die wenigen „Blues-Fans“, die eintrafen, zogen vorsichtshalber sofort wieder ab. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass angesichts der wirklich komplett friedlichen Fröhlichkeit nur ansatzweise ein Gefahrenherd für sie bestand. Auch wenn der Gassenhauer „Who the fuck is Chelsea London?!“ zur Melodie von „Living next door to Alice“  war ..  😉  

Wir lernten an unserem Tisch einen brasilianischen Bayernfan kennen, der – wenn ich mich richtig erinnere – extra mit einem Kumpel aus Köln gekommen war, um das Spiel auf der Theresienwiese im Public Viewing sehen zu können. Nebenbei handelt er wohl mit alten (seltenen?) Bayerntrikots, für welche er eine eigene Website hatte …

So gegen 17 Uhr fuhren wir dann mit dem Fahrrad Richtung Stadion los – überall Bayern Fans – Gänsehautgefühl! Ich würde schätzen, dass am 19. Mai 2012 mindestens eine halbe Million eindeutig zu erkennende Bayern Fans in der Münchner City waren. Auf dem Weg zum Stadion wurden wir permanent von allen Seiten „abgeklatscht“. Das personifizierte „Mia san mia“ machte sich in der Stadt breit. Wir kamen mit dem Fahrrad fast direkt am Hofgarten vorbei – das Aufeinandertreffen mit den Chelsea Anhängermassen verlief jedoch absolut friedlich … Ludwigstraße … überall abklatschen… Leopoldstraße – dasselbe Prozedere … Letzter Stopp vor dem Stadion war ein Biergarten, wo wir uns auch sonst häufiger vor „normalen Heimspielen“ treffen. Noch ein Weißbier – und dann ab zum „Tempel unserer Träume“! Kann, nein darf an so einem perfekten Tag für den Münchner Fußball (wenn man einmal von ein paar wenigen Außenseitern absieht 😉 ) überhaupt etwas schief gehen?  Alles war bereit für eine gigantische Fußballparty!

Ungefähr zwei Stunden vor Spielbeginn waren wir am und kurz später im Stadion. Man merkte schon die gespannte Atmosphäre um und im Stadion, definitiv anders als bei einem Bundesligaspiel. Auf dem Weg zu unseren Plätzen in der Südkurve, welche den Bayern Fans natürlich zugeteilt worden war, fiel mir eine „gestylte“ junge Dame in hochhakigen Schuhen und kleinem Schwarzen auf – ja, auch so kann man zu einem CL-Finale – wohl in eine VIP-Loge – gehen!  😉

Wir waren noch nicht lange auf unseren Plätzen in der Südkurve angekommen, da kam der FCB-Stadionsprecher Stephan Lehmann zur Kurve und begann mit „Hier regiert…!!“ Natürlich von der bereits prall gefüllten Bayernkurve mit „…der FCBeee!“ beantwortet. Ab diesem Zeitpunkt hallten die Sprechchöre der Bayern Fans durch das Stadion. Diese sollten sich in den nächsten Stunden fast durchgängig mit kurzen Unterbrechungen (Halbzeitpause) bis zum letzten Elfmeter dieses denkwürdigen Abends fortsetzen. Zu diesem Zeitpunkt, vielleicht 90 Minuten vor Spielbeginn, waren in der Nordkurve vielleicht gerade einmal eintausend(!) Londoner Fans. Die Chelsea-Kurve begann sich erst sehr spät (ungefähr eine halbe Stunde vor Spielbeginn) etwas mehr zu füllen!

Als jedoch die Chelsea-Fans nach dem Spiel (vor Kameras) zur Stimmung im Stadion gefragt worden sind, meinten sie ehrlich, dass sie selbst noch nie einen derartigen Support von Fans eines Vereins erlebt hätten, wie denjenigen der Bayernfans an jenem Abend! (Ist das ein kleiner Trost? 😉  )

Seit jenem Abend glaube ich noch mehr, dass man sich Nervosität und Anspannung „wegschreien und –klatschen“ kann. Wenn ich an diese Stimmung zurückdenke, bekomme ich immer noch Gänsehaut!

Zum Spiel selbst muss ich wohl nicht allzu viel sagen – es war ein einziger Sturmlauf der Bayern, der in der 2. Halbzeit noch einmal an Vehemenz zunahm. Wir selbst hatten unsere Plätze in der 10. Reihe, in der 2. Halbzeit direkt hinter dem Chelsea-Tor, welches leider von Petr Cech außergewöhnlich gut gehütet wurde. Die Bayern hatten unzählige Schusschancen, aber immer, wenn nur eine kleine Lücke zum Tor offen schien, warfen sich – direkt vor unseren Augen – gefühlt ein halbes Dutzend Chelsea-Spieler in die Schussbahn. Eine derart massive lebendige Wand hatte ich zuvor noch nie in einem Fußballspiel erlebt!

Als die Bayern vor fünf Wochen im CL-Viertelfinale 2022 gegen Zeit schindende schauspielernde Kicker aus Villarreal ausgeschieden sind, verglichen viele Fans die Spielweise der Spanier mit der von Chelsea 2012. Völlig falsch! Chelseas „Abwehrkünstler“ benutzten vor 10 Jahren keine faulen Tricks. Unansehnlich, ärgerlich, aber sportlich astrein.

Nie vergessen werde ich den Torjubel, als Thomas Müller in der 83. Minute per Kopfballaufsetzer den vermeintlichen Siegtreffer zum 1:0 erzielte. In der Bayernkurve, aber auch auf dem Rasen bei den Spielern wenige Meter vor unseren Augen- das war Ekstase pur! Die Spieler lagen auf dem Spielfeld aufeinander, nicht viel anders war es auf den Rängen bei den Fans. Lebhaft habe ich auch noch Thomas Müller vor Augen, als er sich aus der Jubelkurve mit weit aufgerissenem Mund Richtung Mittellinie verabschiedete. Die anschließenden fünf Minuten bis zum – hinsichtlich des Spielverlaufs – unfassbaren 1:1 durch Drogba erlebte ich wie in Trance. Ich weiß nicht mehr, ob das sehr lange oder sehr kurze fünf Minuten waren – sie waren aber von extremsten Emotionen geprägt.

Noch war nichts verloren – es ging in die Verlängerung. Als Ribéry ganz am Anfang der Verlängerung einen Elfmeter herausholte, er selbst minutenlang verletzt am Boden liegend behandelt und schließlich ausgetauscht werden musste, hatte ich selbst schon ein sehr mulmiges Gefühl. Die englischen Profis versuchten während der ganzen Zeit vor dem Elfmeter Arjen Robben, den vermeintlichen Schützen, mit zahlreichen Gesten und Aktionen zu provozieren und zu verunsichern, was ihnen leider auch gelang…. Naja, vielleicht doch auch ein bisschen Villarreal…

Dann das Elfmeterschießen: Konnte das überhaupt gut gehen? Müller mit Krämpfen ausgewechselt, Ribéry verletzt ausgewechselt, Robben hatte bereits verschossen, Alaba fehlte im Finale gelb-gesperrt, Kroos und Lahm hatten im Halbfinale verschossen!

Dennoch konnte das Elfmeterschießen nicht besser losgehen: Lahm und Gomez verwandelten, während Juan Mata an Manuel Neuer scheiterte – 2:0 für Bayern nach insgesamt drei Schützen!

Als jedoch Neuer selbst beim Stand von 2:1 zum dritten Bayern-Elfmeter antrat, überkam mich wieder ein ungutes Gefühl – er war zwar schon damals als hervorragender Fußballspieler bekannt, aber warum – um Himmels Willen – muss der Torwart schon so früh im Elfmeterschießen ran?! Er verwandelte, aber trotzdem …

Mein mieses Gefühl steigerte sich, als sich Olic als vierter Bayern-Schütze vom Mittelkreis zum Elfmeterpunkt aufmachte – und er fast zwangsläufig scheitern musste. Auch Schweinsteiger scheiterte an Cech und am Innenpfosten, der keine Gnade zeigte und den Ball nicht in die „richtige Richtung“ ins Tor ablenkte. (Titelbild: Schweinis langer Weg zum Elfmeter)

Als Didier Drogba – wirklich wenige Meter vor unseren Augen – zum letzten und entscheidenden Elfmeter antrat, war unser aller Hoffnung schon auf ein Minimum geschrumpft … Er schickte Neuer in die falsche Ecke … Chelsea feierte, die Bayernspieler und –fans – im Stadion wie wohl in der ganzen Stadt – waren dagegen im wahrsten Sinne des Wortes am Boden zerstört!

Weltweit wurden wohl die Bilder der am Boden liegenden Bayernspieler mit weinenden Gesichtern gezeigt. Das Bild auf den Rängen war sicher nicht anders: die Bayernfans waren nicht einmal zu Flüchen oder Schimpftiraden fähig. Wenige gingen sofort, die meisten blieben einfach sprach- und regungslos auf ihren Plätzen, sitzend mit gesenktem Haupt nach vorne gebeugt oder erschöpft auf ihren Sitzen liegend. Erst jetzt bemerkte ich, wie anstrengend das Ganze auch für uns war: für Mai hohe Temperaturen, stundenlanges Anfeuern im Stehen, Nerven zerfetzendes Hoffen und Bangen. Bei der Siegerehrung für Chelsea waren wir noch körperlich anwesend im Stadion, mitbekommen davon habe aber zumindest ich nichts.

Gefühlt eine halbe Stunde nach dem Elfmeter von Drogba saßen wir auf unseren Fahrrädern und fuhren Richtung Schwabing, um dort Freunde zu treffen, mit denen wir nach dem erhofften Sieg eigentlich feiern wollten. Schon auf dem Weg dahin war alles fast schon gespenstig ruhig. Ich genehmigte mir ein, zwei Frustbier in einer Kneipe und erklärte dort einem Löwenfan, warum sein Statement, dass die Bayernfans nun auch wüssten, wie es sich jahrelang als Sechziganhänger anfühlt, eine aberwitzige Themaverfehlung ist …

Irgendwann in der frühen Nacht bewegten wir uns zunächst gemeinsam, dann peu à peu getrennt und einzeln mit dem Fahrrad nach Hause. Die Straßen waren auch zu dieser späten Stunde noch sehr voll, überall sah man schweigende Fußballleichen. Ca. um 3 Uhr in der Früh kam ich nach 16 Stunden „Fußballparty“ und geschätzten 80 km auf dem Fahrrad erschöpft, frustriert und traurig zu Hause an.

Die Sprachlosigkeit zog sich dann noch mehr oder weniger den gesamten Sonntag hin, aber schon am Abend wurden erste Telefonate geführt und Emails geschrieben – das Wort „(trotzdem) Stolz“ kam dabei wohl mit am Häufigsten vor!

Unfassbar, dass Arjen Robben wenige Tage später beim Spiel der Bayern gegen die Niederlande in der Allianz Arena ausgepfiffen worden ist – ein wirklicher Bayernfan war damals sicher nicht dabei!

Ich muss zugeben, dass ich mich tatsächlich beim Schreiben dieses Beitrags zum Teil wieder schlecht gefühlt habe. Aber dann erinnere ich mich selbst, warum ich diesen Artikel gerade jetzt geschrieben habe: Denn schon 2012 war ich wohl einer der Ersten, der seinen Optimismus wieder gefunden hat – nach dem Motto „jetzt erst recht!“

Und die Saison 2012/13 – Wembley – Triple – entschädigte uns dann für das Leid an jenem grausamen Fußballabend.

PS: Übrigens hat unser Fußballkumpel Uwe, der aus Franken gekommen ist, um diesen Fußballtag mit uns zu erleben, tief in der Nacht bei einem Augustiner – trotz des großen Schmerzes – folgendes Fazit gezogen: „…das Größte, was ich jemals erlebt habe..!!!“


Sensationell, heute am zehnten Jahrestag des großen-FCB-(Fan-)Schmerzes ist ein Foto aufgetaucht, welches meine Kumpels und mich – in einem allerdings sehr bitteren Moment – zeigt:


8 Kommentare zu „Heute vor 10 Jahren: Das verlorene „Finale dahoam“

  1. Jeden einzelnen Satz dieses Artikels habe ich mitgelebt, ich kann alles bestätigen und es tut immer noch weh, das wird sich wohl nie ändern…

  2. Der schlimmste Tag meines bisherigen Fan-Daseins; bis zum Nachmittag noch auf ein Wunder und eine Eintrittskarte gehofft. Abends dann dieses Spiel und dieser so unfaire Ausgang…

  3. Eine ganz eigenartige Parallele: Schon 1984 gab es ein „finale a casa“.. AS Rom gegen FC Liverpool, Olympiastadion in Rom. 1:1 nach 90 und nach 120 Minuten, dann 4:2 im Elfmeterschießen für Liverpool .. es scheint eine Art Fluch über diesen Heimspielfinals zu liegen.

      1. Liverpool war Ende der 1970 er bis Mitte der 1980 er Jahre die dominierende Mannschaft in Europa, sicherlich kein Außenseiter, auch nicht in Rom.
        Die Heysel-Katastrophe 1985 hat dieses Kapitel abrupt beendet.

      2. Ist doch egal, wer Favorit war. 1984 und 2012 haben die Engländer (!) das Elfmeterschießen gewonnen .. sehr sehr strange ..

      3. Naja, 2012 waren ziemlich wenige Engländer(!) in der Mannschaft von Chelsea. Mit A. Cole und Lampard aber immerhin sogar 2 Elfmeterschützen. Der entscheidende Chelsea-Spieler stand aber im Tor und war ein Tscheche …

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: