Serge Gnabry – es gibt nicht nur Schwarz & Weiß!

Unsere Gesellschaft tendiert immer mehr zu Extremen. Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg mit all den negativen Folgen für den Geldbeutel vieler verstärken diese Tendenz noch mehr. Sind die Fußballspieler für viele Fans auf diesem Globus, erstaunlicherweise (oder auch nicht) gerade für diejenigen in den ärmsten Regionen in Südamerika, Afrika oder Asien, unantastbare Superhelden, sind sie mittlerweile häufig in unseren Breitengraden die Inkarnation des Raubritterkapitalismus, ausschließlich geldgierige Typen. Besonders anfällig für solche Negativsichtweisen sind momentan die FCB-Fans, spätestens seit den medialen Auswüchsen um die Wechselabsichten des Weltfußballers Lewandowski. Der Fall Serge Gnabry scheint ein ganz anderer zu sein und obwohl er sich medial vorbildlich und zurückhaltend verhält, gehört er für viele Fans zur Gruppe der nicht wertgeschätzten Geldgierigen.

Das „Fußball-Unwort Wertschätzung“

Wertschätzung ist tatsächlich ein großes Thema in unserer Gesellschaft – ob privat oder beruflich. Dass dieser Begriff jetzt allerdings zum zentralen Begriff im deutschen Profifußball wird, ist fast schon pervers. Sicherlich müssen die im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Kicker nicht selten mediales Bashing und Mobbing ertragen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil ihres Gehalts sollte demnach auch als eine Art Schmerzensgeld betrachtet werden. Trotzdem bekommen sehr viele Spieler, vor allem wenn sie so erfolgreich sind wie beim FC Bayern, auch wahnsinnig viel Zuneigung, Bewunderung bis hin zu Liebe von ihren Fans geschenkt.

Die ehemaligen Bayernbosse Kalle Rummenigge und Uli Hoeneß haben als Kennzeichen für die Wertschätzung im Profifußball ausschließlich die Höhe des – nicht selten astronomischen – Gehalts genannt. Das stimmt so sicherlich nicht. Wenn dies so wäre, was müssten sich andere Berufsgruppen wie z.B. im Pflegewesen denken, wenn sie nach einem erneut extrem anstrengenden Monat auf ihre kümmerliche Gehaltsbescheinigung blicken? „Verarsche pur!“ In Dimensionen von Wertschätzungen kommen diese Berufsgruppen erst gar nicht.

Wenn das Gehalt in anderen Bereichen, Berufen nicht die einzige Ausprägung von Wertschätzung ist, dann sollte man akzeptieren, dass dies auch für den Fußball gilt.

Gnabrys korrekte PK bei der Nationalmannschaft

Anders als Robert Lewandowski und vor allem dessen Berater (Piranha) beschwerte sich Serge Gnabry nie öffentlich über ein nicht korrektes Vorgehen oder Verhalten des Vereins, das Wort (mangelnde) Wertschätzung kam nie von ihm. Tatsache ist, dass auch sein Vertrag am 30. Juni 2023 ausläuft und dass er die Vertragsverlängerung seitens des Vereins mit einer erheblichen Gehaltsaufbesserung – auf kolportierte 19 Millionen EURO jährlich – bislang nicht angenommen hat.

Als er Mitte letzter Woche auf einer PK vor dem Länderspiel gegen Italien auf das Thema Vertragsverlängerung beim FCB angesprochen wurde, wollte er sich – ganz anders als Robert Lewandowski – nicht dazu äußern. Eine absolut seriöse Verhaltensweise. Natürlich wurde er dann auch auf die viel zitierte Wertschätzung im Fußball mittels astronomischer Gehaltsschecks angesprochen.  Er antwortete, das sei „nicht nur das, was von vielen berichtet wird, dass jeder von uns nur ans Geld denkt“. Es sei viel mehr „ein Mix aus allem“, der von beiden Seiten kommen müsse. „Da sind im Arbeitsverhältnis noch andere Dinge, die eine große Rolle spielen.“ Von vielen Fans wurde er für diese nachvollziehbare Erklärung verspottet und de facto zum Lügner abgestempelt.

In der Tat ist es für den Normalsterblichen schwer vorstellbar, dass man ein Gehaltsangebot über 19 Millionen EURO ausschlägt, von einem Verein, bei dem man sich eigentlich sehr wohl fühlt und bei dem man seine ganzen Fußball-„Buddys“ hat. Angeblich kamen selbst aus seinem privaten Umfeld Aussagen, dass man aktuell nicht wisse, was genau in Serge vorginge.

Flicks Erklärung zu Gnabrys Verhalten

Auf der PK am Freitag wurde sein Ex-Trainer beim FCB und sein aktueller Bundestrainer Hansi Flick befragt, was er ihm raten würde. „Der Serge weiß ja selbst, dass bei Bayern München seine Buddys spielen. Er hat eine Mannschaft, in der er sich sehr wohlfühlt und er weiß natürlich auch, was er an Bayern München hat“. Aber manchmal, so Flick, sei einfach so ein Gefühl losgelöst von wirtschaftlichen Interessen da. „Wo man sich fragt, ob man vier Jahre so weitermachen oder vielleicht mal aus der Komfortzone rausgehen soll.“ Nach dem Motto:  Flucht aus dem gemachten Nest in München zu einem anderen Klub.

Das sind die Überlegungen, die man sich macht“, fügte Flick hinzu, „nicht der Fakt, zu wenig Geld in Zukunft verdienen zu können“. Das könne er sich nicht vorstellen. Gnabry sei ein Spieler, „der reflektiert, was seine Zukunft ihm noch bringt. Aber das hat noch lange nicht zu sagen, dass er bei Bayern München nicht verlängert. Seine Zukunft ist da relativ offen.“

Gnabrys Entscheidung ist zu akzeptieren

… aber auch die des Vereins.

Es sollte damit klar sein, dass die Situation um Serge Gnabry nicht vergleichbar ist mit der um den Weltfußballer Lewandowski. Der knapp 27-jährige Gnabry möchte – seinem Alter angemessen – noch einmal eine Grundsatzentscheidung über seine Karriere treffen: Bleibt er – eventuell sogar bis zu seinem Karriereende – in der Komfortzone FC Bayern mit seinen Kumpels Kimmich, Sané, Goretzka oder sucht er sich noch einmal eine ganz andere Herausforderung. Er ist keine FCB-Ikone, die den Verein über einen langen Zeitraum mitgeprägt hat, aber er spielt bereits vier Jahre bei Bayern und diese Zeitspanne könnte die erfolgreichste seiner Karriere gewesen sein. Sein Beitrag zum FCB-Erfolg war in dieser Phase sicherlich nicht unerheblich – siehe Champions League 2019/20!

Anders als bei Lewy sieht der Verein Serge, obwohl man ihn sicherlich gerne halten würde, als nicht unersetzlich. Das hat zur Folge, dass man bei ihm eine andere Strategie fährt – nämlich diejenige, die generell im Profifußball einsetzt, wenn ein Spielervertrag nur noch eine Laufzeit von einem Jahr hat: Verlängern oder Abschied, um noch eine vernünftige Ablösesumme zu erzielen.

Serge, wir hoffen, dass du den Wunsch deines besten Freundes Joshua Kimmich erfüllst und beim FCB verlängerst. Solltest du dich anders entscheiden: Alles Gute beim neuen Verein!

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

8 Kommentare zu „Serge Gnabry – es gibt nicht nur Schwarz & Weiß!

  1. Genau so ist es! Trennen darf man sich auch „im Guten“. Aber ich hoffe sehr, dass Serge beim FCB bleibt!

  2. Gnabry vielleicht verkaufen, aber Sane bis zu seinem Vertragsende behalten, weil sich bei dem Gehalt kein Abnehmer mehr finden wird… bei den Transfers ist der Wurm drin. Als Bayernfan seit den 1970ern kann ich mich nicht erinnern, dass die Transfers schon einmal so schlecht gelaufen wären …

    Der Fehler liegt m.E. beim Management. Kahn und Brazzo überfordert, und Heiner ist wie ein Politiker.

    Die Bayern stehen vor erheblichen Umbrüchen. Bin gespannt, was die nächsten zwei Jahre so bringen.

    Lewandowski und Gnabry zweifeln. Woran zweifeln sie? Sie sehen das Ende einer Ära kommen, meine Meinung.

    1. Bei Sané bin ich viel optimistischer. Von Mitte September bis Dezember war der Weltklasse … und dann ging bei ihm die Formkurve wie bei vielen anderen auch nach unten …

      Mazraoui, Gravenberch, Mané … mal schau, wer noch kommt. Die Transfers sind bei Weitem nicht so schlecht, wie sie von vielen gesehen werden … und es gab viele viele Jahre seit den 1970ern, in welchen die Neuverpflichtungen definitiv viel schlechter waren …

      1. Was die Formkurve betrifft, könnte das einen ganz einfachen Grund haben: Corona. Selbst ein Lionel Messi häng bekanntlich in den Seilen. Im Winter hat es bei Bayern Sane, Gnabry, Upamecano und Kimmich erwischt, die alle in der Rückrunde Probleme bekamen.

        Trotzdem, vielleicht sogar deswegen (!) – Bayern verkauft die, die richtig gut sind, und bekommt dafür viel zu wenig (oder schlicht nichts, wie bei Alaba und Süle). Was bin ich froh dass wenigstens der King verlängert hat.

        Man kann jeden Verkauf, für sich genommen, o.k. finden. Lewandowski muss man irgendwann eh ersetzen – warum nicht jetzt, wenn Müller und Neuer noch ein paar Jahre spielen. Gnabry wird wohl kein Robben mehr und kein Ribery. Also verkaufen, wenn die Kohle stimmt.

        Aber wenn man für Gnabry, Lewandowski Alaba und Süle in Summe das bekommt, was man für Hernandez bezahlt hat, stimmt was nicht.

        Dieses Jahr standen Thiago und Toni Kroos im CL-Finale. Bayern nicht, vielleicht weil grad diese Typ Spieler nicht mehr da ist. Beide Spieler hat Bayern IMHO schlicht „verschleudert“.

        Bitte nicht falsch verstehen, ich finde es richtig, dass Bayern auch mal einen Spieler abgibt – alle großen Clubs machen das, und sie schaffen so Reizpunkte und motivieren die, die da bleiben. Aber erstens sollte man die Spieler dann gleichwertig oder besser ersetzen können, und zweitens sollte die Ablöse stimmen. Das ist bei Bayern immer noch die große Ausnahme – die einzigen beiden „gelungenen“ Verkäufe der letzten Jahre waren unter Niko Kovac, als man dem BVB Mats Hummels und zuvor S04 Sebastian Rudy für teures Geld andrehen konnte.

      2. Das mit Corona könnte natürlich passen, für mich liegen die Hauptgründe aber eher im mentalen Bereich. Gerade Sané ist ein hoch sensibler Spieler.

        Gnabry ist vom Spielertypen anders als Robbery, von der Torgefährlichkeit kann er aber definitiv mit beiden mithalten. Und dann sollte man nicht vergessen, dass die beiden eine „Jahrhundert-Flügelzange“ waren. Man sollte keinen Nachfolger an ihnen messen.

        „Aber wenn man für Gnabry, Lewandowski Alaba und Süle in Summe das bekommt, was man für Hernandez bezahlt hat, stimmt was nicht.“
        Hier wird meist sehr einseitig argumentiert. Was haben denn die Vier dem FCB gekostet? Alaba kam aus der eigenen Jugend, Lewy ablösefrei, Gnabry für 8 Mio, Süle für 20 Mio ….
        Mit Hernández wollte der Club 2019 ein europäisches Ausrufezeichen setzen. Spieler aus Spanien zu holen, ist einfach sauteuer. 80 Mio war der Marktwert von Lucas, in England würde darüber nicht ansatzweise diskutiert werden. Zudem ist er ein „Mentalitätsmonster“, im Abwehrverhalten mindestens eine Klasse besser als z.B. Alaba (der für mich nach wie vor kein IV ist) und auch als der hüftsteife Süle. Im reinen Defensivspiel sind beide Abgänge keine Schwächung, eher im Gegenteil. Das kann man sogar an den Zahlen ablesen. Bayern hat in der BL und in der CL in dieser Saison weniger Gegentore bekommen als in der Vorsaison, bei RMA war es genau andersherum ….

        „Dieses Jahr standen Thiago und Toni Kroos im CL-Finale. Bayern nicht, vielleicht weil grad diese Typ Spieler nicht mehr da ist. Beide Spieler hat Bayern IMHO schlicht „verschleudert“.“
        Man hat für beide Spieler die Ablösesumme (ca. 25 Mio) erhalten, die der jeweiligen Vertragssituation entsprach. Mit Kroos begann das Thema „Wertschätzung“ (machte dann aber auch eine lange Pause): Er wollte mehr Kohle als die Bayern für ihn zahlen wollten, zumal man damals mit Thiago schon seinen Nachfolger hatte.
        Der in der Entwicklung überraschende Abgang von Thiago – er war im Frühjahr 2020 auf dem Weg zur Unterzeichnung einer ausgehandelten Vertragsverlängerung und überlegte es sich auf diesem anders – tat und tut (noch) weh. ABER (ein großes!): Beide Spieler waren im CL-Finale 2022 kein entscheidender Faktor (Alaba für mich auch nicht; eigentlich hat die Weltklasseform von Courtois das Endspiel entschieden) und vor dem CL-Finale 2020 schrieben die Gazetten vom „weltbesten Mittelfeld-Duo“ Kimmich und Goretzka. Vor dem Finale war medial sogar die Frage, ob es in der Startelf gegen PSG überhaupt einen Platz für Thiago geben könne …. Das sollte man alles nicht vergessen.

        Das mit den „Reizpunkten schaffen“ durch personelle Veränderungen eines toperfolgreichen Teams war im Fußball immer ein Thema. „Erfolgs-übersättigte“ Teams haben Motivationsprobleme. Siehe die gaaanz großen Bayern von 1974. Wenn man aber das jüngste Interview von Thomas Müller (auch auf dieser Seite) liest, dann kommt das bei den heutigen Bayern nicht mehr vor, zumindest nicht bei ihm … und bei Kimmich sicherlich auch nicht … und bei ein paar anderen – zu denen gehört übrigens auch Lewy …

        Douglas Costas Verkauf an Juve war laut Uli H. der „Königstransfer“ … 😉

        PS: Dass die Bayern in den letzten Jahren immer eher ein Transferdefizit erzielt haben, liegt auch an der Stärke des Klubs. Man ist eben kein „Verkaufsverein“. Die Leistungsträger bleiben meist sehr lange, bis eben keine oder nur eine geringe Ablösesumme abrufbar ist …

      3. „Was die Formkurve betrifft, könnte das einen ganz einfachen Grund haben: Corona….“

        Vielleicht ist der Hauptgrund, dass vieles in der Mannschaft seit einiger Zeit nicht mehr läuft, schlichtweg „Lewandowski … Lewandowski und noch einmal Lewandowski…“ ?? Es hat einen triftigen Grund, warum FC Bayern Total die Saison 2021/22 noch nicht abschließend bewertet hat. Erzwingt die polnische Diva seinen Abgang, wird von vielen Seiten noch sehr viel an die Oberfläche kommen … lassen wir uns überraschen – hoffentlich nicht zu negativ!

      4. Corona kann nur eine Erklärung sein, warum einzelne Spieler Probleme haben. Aber andere Teams haben die gleiche Situation – daher sollte sich das irgendwie ausgleichen.

        Vor 10 Jahren – vielleicht sogar noch vor fünf – haben die Transfers der Bayern einfach „gepasst“. Jedenfalls die aus der zweiten Reihe, mit so ca. 10 – 20 Mio. Ablöse (Süle, Gnabry, Coman, Davies, Kimmich natürlich – zuvor aber auch Mandzukic, Dante, Xabi Alonso ..). Und die „teuren“ waren zumindest o.k. (Vidal, Hummels …). Jetzt passt es nicht mehr. Die teuren bleiben unter den Erwartungen und viele andere haben wohl einfach kein Bayernniveau (Sabitzer, Roca, Sarr, O. Richards ..).

        Vor drei Jahren – 2019/2020 – hat Bayern immerhin gute Leihgeschäfte gemacht (Coutinho, Perisic).

        Und jetzt?

        Ich weiß auch nicht, was der Grund ist. Entweder gab es vor 10 Jahren einfach schon genügend Spieler im Kader, die so gut waren dass sie die anderen mitgerissen und gepusht haben (Schweinsteiger, Lahm, Neuer, Ribery und Robben). Oder es werden aktuell doch zu viele Risikoentscheidungen getroffen (es gibt ja sehr viele Transfers seit Brazzo da ist, gefühlt mehr als früher).

        Mazraoui und Gravenberch .. das sind Indianer, keine Häuptlinge. Hoffentlich werden es gute Indianer. Die Häuptlinge müssen wir uns sowieso selber schnitzen.

        Vielleicht schlägt dann ja der Laimer ein.

        Toni Kroos ist jetzt Häuptling, aber in Madrid. Für mich nach wie vor unverständlich, wie man die Spieler Kroos und Thiago an zwei direkte CL-Konkurrenten verkaufen kann. Und zwar an zwei Teams, die den Ballbesitz noch nicht perfekt beherrscht haben und genau das ändern wollten. Sarkastisch könnte man sagen, die internationale Konkurrenz wollte den FC Bayern kaputt kaufen, um uns zu schwächen, und wir haben uns nicht gewehrt ..

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