Deeskalation anstelle von Konfrontation – Strategiewechsel bei Lewandowski

Ein Kommentar

Nachdem er zuletzt im Wechselpoker eine Eskalationsstufe nach der anderen gezündet hatte

  – https://fcbayerntotal.com/2022/06/07/fc-bayern-wie-faengt-man-einen-wild-gewordenen-weltfussballer-ein/ –  

kamen gestern von Robert Lewandowski beschwichtigende versöhnliche Signale. Zunächst berichtete die BILD von einem Telefonat zwischen ihm und Hasan Salihamidzic. Der Sport-Vorstand des FCB informierte, dass der Weltfußballer ihn kontaktiert hätte und seine Wortwahl deutet darauf hin, dass es ein deeskalierendes Gespräch gewesen sein musste. Wohl anschließend gab Lewandowski der BILD ein Interview, welches diesen Eindruck bestätigte.

Telefonat mit Brazzo

Heute hat mich Robert Lewandowski angerufen. Wir haben uns unter anderem über seine öffentlichen Äußerungen der vergangenen Tage unterhalten. Ich habe ihm unseren Standpunkt zu seiner Vertragssituation klar erklärt.“

Salihamidzic bestätigte und bekräftigte dabei den bekannten Standpunkt des FCB – die Kurzversion: „Vertrag ist Vertrag (bis 2023) – basta!“

Interview mit der BILD

Die Kernaussagen des polnischen Weltfußballers in Diensten des FC Bayern:

Ich bin kein Egoist. Ich weiß, was ich am FC Bayern hatte und schätze es sehr. Ich weiß auch, dass ich seit acht Jahren mein Bestes gebe, den Verein und die Fans nicht zu enttäuschen. Nach dieser Zeit fühle ich, dass es Zeit ist für eine neue Etappe ist.

An die verärgerten und enttäuschten Bayern-Anhänger: „Sie haben mich immer unterstützt. Wenn ich in Bezug auf meine Situation nicht ehrlich wäre, würde ich das Gefühl haben, dass ich den Fans gegenüber nicht fair bin. Ich weiß, dass es heute viele Emotionen gibt, aber ich hoffe, dass die Fans mich irgendwann verstehen werden.

Seinen Wechselwunsch bekräftigte der Pole auch nach dem Telefonat mit Brazzo bei gleichzeitiger Bestätigung, dass er die Regeln des Verein respektieren werde: „Aber Veränderungen, gerade nach so einer Zeit, gehören zum Leben des Vereins und des Spielers. Ich hoffe, dass das nicht als Egoismus angesehen wird. Ich habe einen Vertrag, aber ich habe auch versucht dem Verein klarzumachen, wie ich fühle.“

„ …Ich habe noch einen Vertrag für ein Jahr, also habe ich den Verein um Erlaubnis zum Wechsel gebeten. Ich glaube, dass es in dieser Situation die beste Lösung ist, vor allem, da der Verein noch eine Ablöse für mich bekommen kann. Ich würde die Chance bekommen, mich noch einige Jahre bei einem anderen Verein einer neuen Herausforderung zu stellen. Das ist mein Wunsch.“

„Ich will keine Eskalation. Was aus meiner Sicht klargestellt werden muss: Die Medienwelt und die reale Welt im Fußball sind zwei verschiedene Dinge. Bei den Medien, in der Öffentlichkeit geht es oft um Gerüchte und Emotionen. In der realen Fußballwelt muss vor allem während der Transferperiode geschwiegen werden. Deswegen will ich kein weiteres Öl ins Feuer gießen.“

„Ich habe von Beginn an gesagt, dass wir nach einer Lösung suchen sollten, die für beide Seiten gut wäre. Bayern ist einer der größten Klubs der Welt, ein Traumklub für viele großartige Spieler. Ich glaube, dass es besser für Bayern ist, das Geld, das man für mich bekommen kann, zu investieren, als mich bis zum Vertragsende zu halten. Ich will nichts erzwingen, darum geht es nicht. Es geht um die Suche nach der besten Lösung“.

Einschätzung des Strategiewechsels

Ganz offensichtlich hat Lewandowski kapiert, dass seine gezündeten Eskalationsstufen ein Irrweg waren: Beim Verein hatte er damit wahrscheinlich eher eine Trotzreaktion erreicht als dass ihm seine Handlungsweise bei seinem Wechselwunsch geholfen hätte. An die Fans dachte er wohl bei seiner Eskalationsstrategie ursprünglich wenig. Die Reaktionen von Millionen an maßlos enttäuschten Bayernfans überrollten und überraschten ihn offensichtlich. Sein Appell an diese wirkt ganz ehrlich etwas hilflos und es ist zu bezweifeln, dass dieser als glaubwürdig akzeptiert wird. Trotzdem ist es gut, dass er es versucht hat.

Die finanzielle Situation seines neuen Traumvereins und Wechselziels FC Barcelona sollte ihm eigentlich bekannt gewesen sein. Vielleicht erschrickt er jetzt aber ob der Dimensionen. Mit seinem Deeskalationsversuch hält er sich die Option offen, ohne zu großen Gesichtsverlust doch noch eine Saison in München zu kicken, wenn Barca ihn nicht verpflichten kann / darf und ihn auch kein anderer adäquater Spitzenverein verpflichten möchte.

Deeskalation ist immer positiv – Glaubwürdigkeit jedoch eine andere Geschichte. Natürlich hat die reißerische (Boulevard-)Presse ihren Beitrag zur Eskalation geleistet, Lewandowski hat sich ihrer aber – wohl ziemlich bewusst – bedient. Jetzt rudert er zurück, weil die von ihm losgetretene Welle doppelt so hoch auf ihn zurückgekommen ist. Dass seine Attacken nicht gezielt getätigt wurden, nimmt ihm keiner ab.

Wie bei David Alaba bleibt aber seine eigene Vorgehensweise im Wechseltheater bestehen: Die Verpflichtung des Beraters Pini Zahavi ist immer ein Statement. Denn dieser ist der Hexenmeister des schmutzigen Vereinswechsels. Die erste gezündete Stufe scheint beim Piranha des Profifußballs immer eine eigentlich unnötig frühzeitig angestrebte Vertragsverlängerung zu erhöhten Konditionen zu sein. Seriöse Vereine wie der FC Bayern akzeptieren dies nicht, tappen aber zugleich in Zahavis Falle.

Denn dann beginnt schon die Schlammschlacht (Stufe 2). Die bewusste Entzweiung zwischen Spieler und Verein. Beim naiven David spielte dabei sein geldgieriger Vater eine Hauptrolle, Lewandowski übernahm diesen Part zuletzt leider selbst. Der Verein soll in der Öffentlichkeit schlecht aussehen und der Spieler als armes Opfer dastehen. Klappte beim Sympathieträger Alaba so halb – eben aufgrund seines speziellen Bonus bei den Fans, beim rein sportlich extrem gewertschätzten Lewy eher weniger …

Der FCB hat / hatte sowohl bei Lewandowski als auch bei Alaba ganz offensichtlich nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: Zwischen einem inakzeptablen Verlängerungsvertrag und einem Abgang eines extrem wichtigen Spielers im Kader. Einzig unklar bleibt in beiden Fällen, ob die Spieler ursprünglich wirklich bleiben wollten – zu einem aus Vereinssicht unanständigen Vertrag. Oder ob von Anfang an ein Vereinswechsel angestrebt worden war (Faktor Zahavi!).

Danke King!

Danke Kingsley Coman – Mr. Lisboa – dass du die Zahavi-Inszenierung nicht mitgemacht hast. Vertragsauflösung mit Zahavi und Vertragsverlängerung beim FCB waren deine wohltuenden Schritte. Julian Nagelsmann hält sportlich und charakterlich extrem viel von dir. Vielleicht spricht man in 20 Jahren vom King als Vereinslegende, Alaba und Lewandowski dagegen könnten als wichtige Spieler in einer sehr erfolgreichen Vereinsphase in Erinnerung bleiben.

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

3 Kommentare zu „Deeskalation anstelle von Konfrontation – Strategiewechsel bei Lewandowski

  1. Immerhin etwas Deeskalation – wirklich glauben kann ich die Worte von Lewandowski nicht wirklich. Dazu hat er in den letzten Wochen rhetorisch zu viel in die andere Richtung gearbeitet.

  2. Wie war das eigentlich damals bei Owen Hargreaves? Da wollte Manchester United maximal 25 Mio. EURO Ablöse bezahlen, was Bayern zu wenig war. Beide Vereine und der Spieler haben sich dabei allerdings manierlich auseinander gesetzt (und ein Jahr später den Transfer dann doch vollzogen).

    Heute steht es sogar in der BILD-Zeitung, wenn Brazzo mit seinem Angestellten Lewandowski telefoniert hat ..

    1. Auf Wikipedia:
      „Im Oktober 2005 verlängerte Hargreaves seinen Vertrag mit dem FC Bayern München bis zum 30. Juni 2010. Im August 2006 bot Manchester United laut Medienberichten 25 Mio. Euro für Hargreaves, im Dezember dann 30 Mio., und dieser liebäugelte mit dem Wechsel nach England. Bayern pochte jedoch auf Einhaltung des Vertrags und gab ihn nicht frei.

      Im Mai 2007 einigte sich der FC Bayern schließlich mit Manchester United auf eine Ablösesumme von 25 Millionen Euro, die höchste Ablöse, die bis dahin für einen Bundesliga-Spieler gezahlt worden war. …“

      Mit den 25 Mio bezahlte der FCB übrigens Ribéry … ein mehr als gelungener „Ringtausch“ … 😉

      Denn: Hargreaves unterschrieb einen Vierjahresvertrag und spielte dann ganze 28x für United (Knieprobleme) …

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