Sehr erfolgreiche Bayern – entscheidend nicht der Toptorjäger, sondern eine andere Position

Anders als nicht wenige FCB-Fans befürchtet haben, ist Nagelsmanns Truppe nach dem Abgang des Toptorjägers und Weltfußballers Robert Lewandowski erfolgreich und extrem torhungrig in die neue Saison gestartet. Aktuell wirkt die Mannschaft offensiv wie von Ketten befreit und der Kreativität von Mané, Musiala, Sané & Co scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Auch wenn der neue Bundesligatorrekord – 15 Treffer nach nur drei Spieltagen – keine sehr große Aussagekraft auf den Verlauf in den entscheidenden Frühjahrswochen der Saison genießt, hat man als Bayernfan eine riesige Lust auf die kommende Saison bekommen.

FC Bayern Total beleuchtet in diesem Beitrag, wie sehr der Erfolg des FC Bayern in den 57 Jahren seit seinem Bundesligaaufstieg von einem Toptorjäger abhängig war. So bezeichnet selbst die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer, seinen Freund und Mannschaftskollegen Gerd Müller, den Bomber der Nation, als den „wichtigsten Spieler der Vereinsgeschichte“. Was ist daran wahr?

Die Bundesliga-Torschützenkönige des FC Bayern

In 57 Jahren Bundesligazugehörigkeit konnten sich die Bayern über insgesamt 21 Torjägerkanonen ihrer Stürmer freuen:

  • 7x Gerd Müller (1967; 1969; 1970; 1972; 1973; 1974; 1978)
  • 6x Robert Lewandowski (2016; 2018-2022)
  • 3x Kalle Rummenigge (1980; 1981; 1984)
  • 2x Roland Wohlfarth (1989; 1991)
  • 1x Giovane Élber (2003)
  • 1x Luca Toni (2008)
  • 1x Mario Gomez (2011)

Interessant:

Bei den ersten sechs (der insgesamt 31) FCB-Bundesligameisterschaften von 1969 bis 1981 stellte man zugleich auch immer den Torschützenkönig (4x Müller; 2x Rummenigge).

Von 1985 bis 2015 wurden die Bayern insgesamt 18 Mal Deutscher Meister, stellten aber lediglich fünfmal den Torschützenkönig und nur dreimal waren sie in jenen 31 Spielzeiten auch gleichzeitig Deutscher Meister (1989; 2003; 2008).

Ab 2016 -im Lewandowski-Zeitalter- stellten die Bayern in sechs von sieben Spielzeiten mit dem Polen den erfolgreichsten Torschützen der Liga.

Insgesamt 15 Mal waren die Bayern gleichzeitig Deutscher Meister und stellten den Torschützenkönig – also bei nicht einmal der Hälfte ihrer deutschen Meisterschaften. Rechnet man die acht Jahre mit Lewandowski weg, sogar nur bei neun von 23 Meisterschaften (39%). Man kann folglich keineswegs behaupten, dass die deutschen Titel hauptsächlich von einem Toptorjäger abhängig gewesen wären.

Champions League-Sieg bzw. Finalteilnahme als Maßstab

Es war nicht immer so, aber spätestens seit dem Triple von 2013 ist der Königsklassen-Triumph für die meisten (Fans und Medien) DER Maßstab für ein wirklich erfolgreiches FCB-Jahr. Wie sehr waren die Bayern in ihren international erfolgreichen Jahren von ihrem Toptorjäger abhängig?

Die Gerd-Müller-Ära

Der FCB-Titel-Hattrick im Europapokal der Landesmeister fand von 1974 bis 1976 statt. Der Bomber steuerte damals in vier Endspielen (1974 Wiederholungsspiel) drei Treffer bei. Allerdings nie das alles entscheidende Tor. Dafür waren u.a. Katsche Schwarzenbeck (1974 -1:1 in der 120. Min.) oder Franz Bulle Roth (1976 – 1:0) zuständig. Müller erzielte zweimal das 2:0 und einmal das 3:0.

Gerd Müller war insgesamt viermal Torschützenkönig des Landesmeistercups: 1973; 1974; 1975; 1977. Zweimal schieden die Bayern dabei im Viertelfinale aus, zweimal gewannen sie die Königsklasse. Die meisten Tore schoss er in der Saison 1972/73, obwohl gegen den damaligen Seriensieger Ajax Amsterdam schon im Viertelfinale Schluss war. Sieben seiner elf Tore erzielte er allerdings gegen Omonia Nikosia aus Zypern (9:0; 4:0).

Müllers beste Bundesliga-Jahre gemessen an seiner Toranzahl waren 1969/70 (38 Tore), 1971/72 (40) und 1972/73 (36). In keiner dieser Spielzeiten gewann der FCB einen internationalen Titel.  Bei den Europapokalsiegen 1975 und 1976 war der Gerd eigentlich schon über seinen Zenit hinaus und erzielte auch in der Bundesliga jeweils für seine Maßstäbe eher mäßige 23 Tore. (Das mit Über-den-Zenit-hinaus traf allerdings mehr oder weniger auf die ganze Mannschaft zu)

2001 – CL-Sieg des Willens

Der Champions League Titel in der Saison 2000/01 war eine riesige Willensleistung der Mannschaft: 25 Jahre ohne Königsklassentriumph, die 1999er Niederlage im Hinterkopf – dieser Titel musste her. Und das ohne einen Toptorjäger. Giovane Élber war Bayern bester Torschütze in der BL – mit eher schlappen 15 Toren. In der CL traf der sympathische und populäre bayerische Brasilianer in 17 Spielen ganze sechsmal – davon allerdings fünfmal zum wichtigen 1:0 (dreimal in Viertel- und Halbfinale). Eine sensationelle Quote.

Élber wurde übrigens ein einziges Mal BL-Torschützenkönig: in seiner letzten FCB-Saison 2002/03 mit 21 Toren. Es war die CL-Saison, in welcher die Bayern zum einzigen Mal in ihrer CL-Geschichte in der Vorrunde sang- und klanglos ohne einen einziges Sieg ausgeschieden sind.

2013 – überragende Triple-MANNSCHAFT

War es 2001 noch ein kollektiver Willensakt, präsentierten sich Jupps Jungs in der Rückrunde 2012/13 als mit Abstand weltbeste Fußballmannschaft – mit vielen Stars. Der Topstar war allerdings die MANNSCHAFT. In der BL brachen die Bayern dank einer überragenden Hinrunde und einer unfassbar guten Rückrunde nahezu alle Rekorde – 91 Punkte bei 98:18 (+80!!!) Toren. Der beste BL-Torschütze war Mario Mandzukic mit 15 – man ist versucht zu sagen – Törchen … dahinter Thomas Müller mit 13 Treffern. In der CL war der Urbayer mit insgesamt acht Toren Bayerns erfolgreichster Schütze – und das, obwohl er heute eher als Assistkönig als als Toptorschütze gilt. Aber wie Élber 2001 war der Torschützenkönig der WM 2010 in der CL-Saison 2012/13 für viele sehr wichtige Tore zuständig.

2020 – überragende Triple-MANNSCHAFT reloaded

Obwohl Robert Lewandowski mit sensationellen 15 Toren (in 10 Spielen) souveräner Torschützenkönig der CL-Saison 2019/20 war, war die Rückrunde jener zweiten Triple-Saison der Vereinsgeschichte fast eine Kopie der von 2012/13. Schwer zu sagen, welches Team von beiden die beste FCB-Mannschaft aller Zeiten war.

Lewandowski stellte mit 34 Toren in jener Saison einen persönlichen BL-Rekord auf. Eine Toranzahl, die seit Ende der 1970er Jahre (Dieter Müller) nicht mehr erreicht worden war. ABER: Beim CL-Finalturnier in Lissabon war er kein Faktor! Beim legendären 8:2 im Viertelfinale gegen seinen jetzigen Arbeitgeber erzielte er das 6:2, beim 3:0 in Halbfinale gegen Lyon den Treffer zum Endstand kurz vor Spielende. Die wichtigen Tore erzielten Müller, Serge Gnabry oder Mr. Lisboa Kingsley Coman.

In der BL-Saison 2020/21 toppte Lewandowski den legendären scheinbar nicht zu übertrumpfenden Gerd-Müller-Rekord von 1971/72 (40) um ein Tor. 2021/22 bestätigte er seine überragende BL-Torquote mit 35 Toren. Beide Male schieden die Bayern jedoch im CL-Viertelfinale aus.

Die fünf verlorenen CL-Endspiele

1982: Die beste Saison von Dieter Hoeneß – 21 Tore in der Bundesliga und damit vor Paul Breitner (18) und Kalle Rummenigge (14) bester FCB-Torschütze (allerdings ohne Chance auf die Torjägerkanone; Horst Hrubesch – 27 Tore).

Auch im Landesmeistercup traf der Dieter sehr regelmäßig und wurde mit insgesamt sieben Toren der letzte deutsche Stürmer, der die CL als bester Torschütze abschloss. In den entscheidenden Spielen (Halbfinal-Rückspiel; Finale) war er jedoch nicht erfolgreich.

1987: Lothar Matthäus war der beste FCB-BL-Torschütze mit 14 Toren und ebenfalls im Europapokal mit ganzen drei Toren (zusammen mit Roland Wohlfarth) treffsicherster Münchner …

1999: In einer BL-Saison, welche die Bayern mit einem Rekordvorsprung von 15 Punkten abgeschlossen haben, waren Giovane Élber und Carsten Jancker mit jeweils 13 Toren die besten Torschützen. In der CL trafen Mario Basler, Stefan Effenberg und Carsten Jancker jeweils viermal – von einem Toptorjäger waren alle (z.T. schon aufgrund der Position) weit entfernt.

2010: BL-Toptorschütze des FCB war Arjen Robben mit 16 Toren in 24 Spielen. In der CL traf Ivica Olic mit sieben Toren am besten, dahinter Arjen Robben (4). Die eigentlichen Stoßstürmer Mario Gomez und Miro Klose jeweils einmal …

2012: Mario Gomez war sowohl in der BL (26 Tore) als auch in der CL (12 Tore) Bayerns bester Torschütze, in beiden Fällen hätte die Toranzahl in vielen Jahren zum Torschützenkönig gereicht. Pechvogel Mario – dass sein verwandelter Elfmeter im Elfmeterschießen im Finale dahoam nicht zum Titel gereicht hat … das Tüpfelchen aufs i !!

Apropos Mario Gomez: Der Vielgescholtene war in seiner Zeit in München (2009-2013) von der Torquote der drittbeste Torjäger in der FCB-BL-Geschichte. Nur Gerd Müller und Robert Lewndowski waren besser.

2011/12 war die beste BL-Saison von Gomez. Mit herausragenden 28 Toren wurde er Torschützenkönig. ABER: Es war die schlechteste FCB-Saison der letzten 16 Jahre …

FAZIT

Ein herausragender Torjäger ist sicherlich kein Hindernis, große Erfolge zu erzielen, große Titel zu gewinnen. Ein Garant dafür ist er sicherlich nicht. Die drei besten BL-Torschützen der FCB-Geschichte haben die größten Mannschaftserfolge allerdings nie in ihren individuell besten Spielzeiten erzielt. Und in den Finalspielen sind es oft ganz andere Spieler, die mit ihren Toren in den Fokus treten und nicht die sog. Toptorjäger.

Was jedoch auffällig ist: Die Bayern haben ihre sechs Champions League Titel jeweils mit einem der Top 3 Torhüter der Vereinsgeschichte gewonnen: Dreimal mit Sepp Maier (1974-76), zweimal mit Manuel Neuer (2013; 2020) und einmal mit Oliver Kahn (2001). Auch beim einzigen Gewinn des Pokalsiegercups (Maier; 1967) und beim einzigen UEFA-Pokalsieg (Kahn; 1996) stand jeweils einer aus dem Trio im Tor.

Sepp Maier ist somit mit vier Europapokal-Endspielen (ohne die Wiederholung von 1974 einzurechnen) auch der Rekordhalter der FCB-Keeper, dahinter Neuer und Kahn mit jeweils drei Endspielteilnahmen.

Alle anderen FCB-Torhüter können nur eine Europapokal-Finalteilnahme vorweisen, aber keinen Titelgewinn: Manfred Müller (1982), Jean-Marie Pfaff (1987), Hans-Jörg Butt (2010).

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

2 Kommentare zu „Sehr erfolgreiche Bayern – entscheidend nicht der Toptorjäger, sondern eine andere Position

  1. Ich würde noch einen draufsetzen: Lewandowski war in seiner Münchener Zeit persönlich sehr erfolgreich. Seine Mannschaft war das aber nicht. Natürlich ragt 2020 heraus – aber nicht wegen ihm, wie Du ganz richtig schreibst. Wenn man 2020 mal als „statistischen Ausreißer“ einordnet, was bleibt dann aus der Lewandowski-Zeit? Drei CL-Halbfinale (gut, gegen Barcelona war er verletzt, wie so viele damals). Ansonsten Ende Gelände schon eine Runde früher.

    Und die hilflose Halbfeldflankerei in der letzten Saison gegen Villareal? Da diente der „beste Mittelstürmer der Welt“ vielleicht auch als Feigenblatt, dass man andere Wege zum Torerfolg gar nicht erst versucht hat.

    Vielleicht ist Brazzo ja am Ende doch gar kein soo guter Spielerverkäufer. Denn es wäre besser gewesen, wenn man Lewandowski schon ein Jahr früher für dann 80 Mio. + x verkauft hätte.

    1. Man merkt schon, wie unfassbar verwöhnt (wir) Bayernfans mittlerweile sind.

      8 Deutsche Meisterschaften (insgesamt 10) in Folge zählt schon nicht mehr in die Rubrik „sehr erfolgreich“ 😉

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