Josip Stanisic – der FCB-Reservist im WM-Halbfinale

Als ich Josip Stanisic im Sommer 2019 zum ersten Mal bei einem Herren-Profi-Spiel der kurz zuvor aufgestiegenen Bayern Amateure gegen Viktoria Köln in der 3. Liga im Grünwalder Stadion gesehen habe, konnte ich mir nicht ansatzweise vorstellen, dass der damals 19-Jährige jemals im Profikader des FCB stehen könnte und noch weniger, dass er knapp 3 1/2 Jahre später mit seinem Nationalteam in einem WM-Halbfinale (heute Kroatien – Argentinien) stehen wird. Ich hatte Stanisic schon vom Campus gekannt, wo er mir nie aufgefallen war, zumindest nicht positiv. Aber an jenem sonnigen Samstagnachmittag war Stanisic völlig überfordert, einer der schlechtesten Bayernspieler bei der 2:5-Heimpleite, sein Gegenspieler düpierte ihn ein ums andere Mal. Aber so kann man sich irren – Stani ist ein Kämpfer.

Damals machte unter den Amateure-Fans die Runde, dass Stanisic überhaupt nur deshalb einen Vertrag bei den Amas bekommen hätte, weil sein Berater Dieter Hoeneß hieß und sein Trainer Sebastian Hoeneß – Klüngelei.

Schaut man sich Josips Werdegang an, erkennt man, dass es tatsächlich erstaunlich ist, dass er überhaupt bei den FCB Amateuren untergekommen ist, nur die Jahrgangsbesten der U19 des FCB schaffen das: In München geborener Deutsch-Kroate konnte er als Achtjähriger die FCB-Scouts nicht von sich überzeugen, ging dann als Neunjähriger zum blauen Lokalrivalen, konnte sich dort aber auch nicht nachhaltig durchsetzen (2009-15) und kam dann nach anderthalb Jahren in Fürstenfeldbruck im Januar 2017 zur U17 des FCB. Und hatte sofort Pech: Eine Fraktur des Sprunggelenks ließ ihn monatelang ausfallen, während seine U-17-Kollegen im Juni die Deutsche Meisterschaft im Endspiel gegen Werder Bremen im Grünwalder Stadion feiern konnten.

Seitdem wird Stanisic permanent von langwierigen Verletzungen ausgebremst und kommt so lediglich auf 42 Drittliga-Spiele bei den FCB-Amateuren (2019-21; inkl. Meisterschaft als Aufsteiger und Abstieg als Meister) und seit Julian Nagelsmann das Zepter an der Säbener Straße schwingt, auf immerhin 21 Bundesligaspiele bei den Profis. Und sieben Länderspiele für den amtierenden Vize-Weltmeister Kroatien, für welches er sich entschied, nachdem er auch schon zwei Länderspiele für die deutsche U19 (2018) bestritten hatte. Im Juni 2022 ließ er übrigens Kylian Mbappé beim 1:0-Sieg der Kroaten in Paris gegen Frankreich als Gegenspieler ziemlich schlecht aussehen. Etwas für die Visitenkarte.

In der aktuellen Saison ist Josips Pech, dass der FCB mit Noussair Mazraoui einen absoluten Klassespieler auf seiner angestammten Rechtsverteidiger-Position verpflichtet hat. Krankheit und Verletzungen taten ihr übriges – Ergänzungsspieler im Verein und deswegen leider auch nur Ersatz bei Kroatien bei der WM. Auch in Katar plagt er sich zusätzlich mit einigen Wehwehchen herum.

Aber vielleicht schlägt am Sonntag bei einem WM-Finale Kroatien – Frankreich es wäre die erste direkte WM-Revanche nach 1990 (Deutschland – Argentinien) – seine große Stunde, wenn sich sein Trainer daran erinnert, wie er vor einem halben Jahr den großen Mbappé abgezockt hat … 😉

Josip Stanisic ist insgesamt nur das Beste zu wünschen. Er musste immer einen weiten harten Weg gehen. Bei ihm kann man es sich sogar vorstellen, dass der ganz große Knoten erst mit 25, 26 Jahren platzt – Spätstarter nach einer längeren verletzungsfreien Periode. Die Daumen sind gedrückt!

PS: Er ist übrigens nicht unbedingt auf die Rechtsverteidigerposition fixiert, gilt sogar als Defensivallrounder, welcher auch schon auf der 6er-Position gespielt hat.

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