Verrückte Fußballzeiten – der einzigartige Gerd Müller rettet die Bayern im „Bruderkampf“ vor der großen Pokalblamage

Am 8. Januar 1977 gab es im Münchner Olympiastadion ein außergewöhnliches DFB-Pokal-Achtelfinale – bei leichtem Schneefall kam es vor lediglich 6.500 Zuschauern zum Bruderkampf zwischen den Profis des FC Bayern, den frisch gebackenen Weltpokalsiegern und dreimaligen Europapokalsiegern der Landesmeister, und den eigenen Amateuren, die damals drittklassig in der Bayernliga spielten. Nur dank der vier Tore des größten FCB-Torjägers aller Zeiten, Gerd Müller, konnten die Profis mit 5:3 die Oberhand behalten.

Der Kicker titulierte damals „Ohne Licht eine Blamage“. Was sich wie der Ausfall der Flutlichtbeleuchtung im Olympiastadion anhörte, war lediglich eine Anspielung auf die starke Leistung des Ersatztorhüters der Profis, Hubertus Licht, der für den verletzten Sepp Maier zwischen den Pfosten stand. Es war das einzige Pflichtspiel, welches Licht jemals für den FCB absolvierte. Der damals schier unverwüstliche Sepp Maier stellte in jenen Jahren einen Bundesligarekord für die Ewigkeit auf: In 13 Bundesligajahren in Folge (von 1966/67 bis 1978/79) hütete er bei jedem Spiel der Bayern das Tor – 442 Spiele ohne Unterbrechung. Erst sein fataler Autounfall am 14. Juli 1979 beendete diese Serie auf brutale Art und Weise.

Wahrscheinlich dokumentierte aber gerade dieser verletzungsbedingte Ausfall des eigentlich extrem ehrgeizigen Sepp die an jenem Januarnachmittag mehr als mäßige Einstellung der Bayernprofis bestens. Wenn schon der Vorzeige-Profi Maier keine Lust auf einen Tanz mit den eigenen Amateuren hatte, dann war dies bei den anderen Kickern sicherlich ebenso. Nach dem Motto: „Vor gut zwei Wochen haben wir in Brasilien den Weltpokal nach München geholt und jetzt müssen wir uns bei Schneefall mit den eigenen Amateuren abplagen – Majestätsbeleidigung!“ Wenn man sich den für damals ganz typischen Bericht des Kickers durchliest, wird man – gerade bei der Schilderung des 1:0 für die Amateure  – in dieser Annahme mehr als bestätigt.

Der Kicker-Bericht endet mit dem Satz „…stellten deutlich unter Beweis, dass der Leistungsunterschied zu den Profis kleiner geworden ist.“ Dieses Fazit leitet sehr passend zur Leistung(sstärke) der damaligen FCB-Amateure über. Denn in der Startelf standen sieben Spieler, die mehr oder weniger lange zum Profikader des FCB gehörten, zum Teil schon in jener Saison 1976/77.

Allen voran die spätere FC Bayern-Legende Klaus Augenthaler. In jenem Spiel war er wohl hauptverantwortlich dafür, dass Kalle Rummenigge bereits nach 24 Minuten verletzt ausgewechselt werden musste. Übergroßer Respekt sieht wohl anders aus. 😉 „Auge“ übernahm nach jener Saison peu à peu die Liberorolle von Franz Beckenbauer, welcher nach der Saison im Sommer 1977 zu Cosmos New York wechseln sollte. (1990 war der kernige Niederbayer des Kaisers Libero beim gemeinsamen WM-Sieg in Italien)

Willi Reisinger, Jahrgang 1958, gehörte von 1976 bis 1980 zum Profikader des FCB, kam aber in diesem Zeitraum insgesamt  gerade einmal auf neun Pflichtspiele. Dennoch zählte er zu den Deutschen Meistern von 1980. Seine beste Profizeit verbrachte er 1981-85 beim KV Mechelen in der 1. Belgischen Liga, wo er in 103 Spielen 50 Tore erzielte. Die Belgische Liga mit dem RSC Anderlecht an der Spitze war damals absolut erstklassig.

Peter Gruber  überzeugte  den FCB-Coach Dettmar Cramer wohl so sehr, dass er eine Woche später sein BL-Debüt gegen Fortuna Düsseldorf geben durfte. In der Rückrunde 1976/77 spielte er insgesamt 16 von 17 Spielen und blieb bis 1980 beim FCB. Damit darf sich auch Peter Gruber Deutscher Fußballmeister der Saison 1979/80 nennen.

Auch Wesley Schenk debütierte eine Woche später in der Bundesliga in Düsseldorf und spielte bis 1978 insgesamt sechsmal in der Bundesliga für Bayern.

Erhan Önal kam aus der Jugend des FCB und zählte in der Saison 1976/77 eigentlich schon zum BL-Kader des FCB. Später türkischer Nationalspieler.

Edi Kirschner spielte von 1976 bis 1978 sowohl bei den Profis als auch bei den Amateuren.

Kapitän Rudi Grosser, der jüngere Bruder des bekannteren Peter, spielte von 1963 bis 1967 bereits in der 1. Mannschaft des FC Bayern. Als Ergänzungsspieler gehörte er zu der Mannschaft, die 1965 in die Bundesliga aufstieg, zweimal den DFB-Pokal (1966 und 1967) und 1967 den Europapokal der Pokalsieger gewann. Von 1974 bis 1977 schnürte er noch einmal die Fußballschuhe für die Bayern Amateure. Als Routinier war er somit so etwas wie der Vorgänger von Hansi Pflügler (nach der Profikarriere noch 1992-97 und 2001/02 für die Amateure aktiv) und zuletzt Nicolas Feldhahn.

Toni Schrobenhauser:  Jugendnationaltorwart; von 1977-1979 dritter Torwart hinter Sepp Maier und Walter Junghans. Den meisten – älteren – Bayernfans wohl wesentlich bekannter als Hubertus Licht. Der im letzten Jahr verstorbene Schrobenhauser ist der Großvater des 18-jährigen FCB-Talents Lucas Copado, welcher auch der Neffe von Hasan Salihamidzic ist.

Dagegen spielte bei den Profis u.a. Kjeld Seneca, ein  dänischer Nationalspieler welcher es im Zeitraum  1975-77 jedoch auf lediglich sechs 6 BL-Spiele für den FCB brachte. Für den Torschützen des  5. Profi-Tores, Reiner Künkel waren die 2  ½ Jahre für Bayern (Januar 1976-78) die einzigen Spieljahre, in welchen er erstklassig spielte.

Hätte nicht Gerd Müller trotz „starker Bandscheibenbeschwerden“  seinen unnachahmlichen Torriecher bewiesen, wäre eine Blamage für den Weltpokalsieger absolut im Bereich des Möglichen gewesen. Eine Blamage, die in Anbetracht der damaligen Umstände sogar einigermaßen erklärlich gewesen wäre.

Am nächsten Tag (Sonntag) mussten die Profis übrigens bei einem Hallenfußballturnier ran, wo sie nach Niederlagen gegen den MSV Duisburg, Fortuna Düsseldorf und RW Essen den letzten Platz belegten. Weitere zwei Tage später, am Dienstag, verlor man in Israel ein Freundschaftsspiel gegen die dortige Nationalmannschaft mit 0:2. Eine wirklich verrückte Fußballzeit.

Die meisten alten Recken waren zudem zu dieser Zeit bereits über ihren Leistungszenit hinaus. So schied man nur ein paar Wochen später im Pokal bei der Berliner Hertha mit 2:4 n.V. aus, kurz darauf folgte das Aus im Europapokal der Landesmeister, den man zwischen 1974 und 1976 dominiert hatte. Nach großem Kampf musste man sich Dynamo Kiew mit 1:0 und 0:2 beugen. Am Saisonende rettete man sich mit einem 7. Tabellenplatz in der Bundesliga gerade noch in den UEFA-Cup, Franz Beckenbauer verabschiedete sich und ging nach New York zu Cosmos. Dieses 5:3 gegen die eigenen Amateure war bereits mehr als ein Vorbote für die „magerste Bayernepoche“ des vergangenen halben Jahrhunderts.

Leider sind heutzutage solche Duelle zwischen den Profis und der eigenen zweiten Mannschaften nicht mehr möglich. Mit der Einführung der 3. Liga zur Saison 2008/09 wurde die Teilnahme von Zweitmannschaften von Lizenzvereinen am Pokal ausgesetzt. Welch legendäre Pokalschlachten lieferten doch die Bayern Amateure speziell in den 1990er Jahren!

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