Ein vergesslicher Maier Sepp kritisiert den FCB wegen Sommer-Transfer und Campus

In einem Interview in der BILD kritisiert die fast 79-jährige FCB-Torwartlegende Sepp Maier die Arbeit im Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern, dem sog. Campus im Münchner Norden unweit der Allianz Arena.

Ich kann nicht verstehen, warum man für X Millionen einen Nachwuchs-Campus gebaut hat und dann nicht dazu fähig ist, einen guten jungen Torhüter für die 1. Mannschaft heranzuführen. Es darf auch nicht sein, dass die Nachwuchsmannschaft in der 4. Liga spielt, darum sollte man sich kümmern, nicht immer von den anderen Vereinen die besten Spieler wegkaufen. Da ist nichts dabei, wenn man genügend Geld hat. Aber das ist doch nicht der Sinn von einem Nachwuchs-Campus„.

Sehr oberflächlich betrachtet hat er mit dieser Kritik natürlich recht, aber eben nur, wenn man die Gesamtsituation nicht hinterfragt. Die aktuell scheinbar verhältnismäßige Erfolgslosigkeit speziell der Bayern Amateure (U23), aber auch der U19 wird nicht nur von ihm moniert. Es liegt auch an der Campus-Strategie, die FC Bayern Total übrigens auch nicht für die bestmögliche hält.

Campus-Strategie bleibt: Individuelle Entwicklung vor Mannschaftserfolg – FC Bayern Total

Denn trotz dieser Vorgaben steigen nur ganz wenige Campus-Spieler zu den eigenen Profis auf. Im aktuellen Profi-Kader sind dies natürlich Jamal Musiala, aber auch der in München geborene kroatische Nationalspieler Josip Stanisic. Hochtalentierte Kicker wie Oliver Batista Meier, aber auch Joshua Zirkzee haben es nicht geschafft. Zumindest für Zirkzee hat man von Bologna eine Ablösesumme von 8,5 Millionen EURO erhalten. Ein Angelo Stiller hat in München nicht den Konkurrenzkampf angenommen und ist lieber nach Hoffenheim gegangen. Dort ist er nun Bundesligaspieler, aber keineswegs auf FCB-Niveau.

Bei den U17-Spieler sieht es derzeit beim FCB allerdings sehr gut aus.

FC Bayern – weltweiter Spitzenreiter bei den U17-Talenten – FC Bayern Total

Dabei sind nur zwei der vier genannten – Paul Wanner und Arijon Ibrahimovic – wirkliche Campus-Spieler. Lovro Zvonarek wurde wie Mathys Tel im Sommer 2022 verpflichtet. Wenn sie dabei einen ähnlichen Weg wie Musiala 2019/20 gehen, kann dies dem FCB allerdings nur mehr als recht sein. Und es müsste bei der Qualität dieser vier hoch talentierten Kicker mit dem Teufel zugehen, wenn zukünftig nicht mindestens zwei von ihnen eine passable Rolle im Profikader des FC Bayern spielen werden.

Kommen wir zur ursprünglichen Kritik der FCB-Legende Sepp Maier, dass man auf dem Campus nicht fähig sei, einen geeigneten Keeper für die Profis auszubilden. Denn auch die beiden Torwarttalente Johannes Schenk (20) und Ritzy Hülsmann (18), die derzeitige Nr. 3 und Nr. 4 in der FCB-Torwart-Hierarchie, gelten nicht als ernsthafte Kandidaten für die Neuer-Nachfolge. Dies waren die beiden begabteren Ex-Junioren-Nationaltorhüter Christian Früchtl und Ron-Thorben Hoffmann in ihrer Bayernzeit übrigens auch nie. Trotzdem gibt es bei beiden offensichtlich eine Rückkauf-Klausel.

Wenn man beim FCB nicht einen gewaltig langen Atem hat, hat man als Junger überhaupt keine Chance jemals die Nummer 1 im Tor zu werden. Michael Rensing hat dies als letzter ganz ernsthaft versucht. Er ist im Jahr 2000 als 16-Jähriger aus Niedersachsen in die Jugend des FCB gekommen und war dann von 2002-2008 sensationelle sechs Jahre Ersatztorhüter von Oliver Kahn bzw. die meiste Zeit davon zweiter Torwart des FCB. Fiel Kahn aus, war Rensing immer ein glänzender Ersatz. Als der Titan dann 2008 als 39-Jähriger – aus Rensings Sicht endlich – die Torwarthandschuhe an den Nagel gehängt hat, ist der damals 24-Jährige nicht mit dem Druck fertig geworden. Nicht nur Uli Hoeneß sah in ihm den FCB-und DFB-Keeper der Zukunft. Der 2008 eigentlich als zweiter Torwart geholte routinierte (Ex-)Nationalkeeper Hans-Jörg Butt kam mental besser in München zurecht und verdrängte die ganz große Münchner Torwart-Hoffnung Rensing, der den Verein im Sommer 2010 resigniert verlies.

Die letzten 60 Jahre des FCB waren übrigens vor allem von drei bayerischen Torwartlegenden geprägt: Sepp Maier (1962-79), Oliver Kahn (1994-2008), Manuel Neuer (2011-?). Zusammen 43(!!) Jahre! Es waren auch die besten der Vereinsgeschichte mit allen großen internationalen Titeln.

Hätte Sepp Maier nicht seinen verheerenden Autounfall gehabt, wäre er wohl noch liebend gerne mindestens fünf weitere Jahre im FCB-Tor gestanden. Seinen 20 Jahre jungen Ersatzmann Walter Junghans verspottete er und meinte, dass, solange er FCB-Torwart sei, „aus dem Junghans ein Althans“ werde. Wenn er daran zurückdenkt, sollte er seine heutige Vereinskritik doch leicht überdenken und relativieren (und sich ein klein bisschen schämen). Gibt es im Tor ein Alphatier wie Maier, Kahn oder Neuer, hat kein Nachwuchskeeper auch nur die geringste Chance. In der „Sepp-Ära“ verzweifelten ganze Generationen an jungen Torstehern in der Warteschleife. Manfred Seifert und Toni Schrobenhauser hätten davon sicherlich ein Lied singen können. Und im Gegensatz zu Kahn und Neuer war der Sepp auch nie verletzt!

Das letzte Spiel vom Sepp, der FCB „crasht“ die Meisterfeier des HSV – und alles endet fast in einer Katastrophe – FC Bayern Total

Nach Sepp Maier, der 1959 als 15-Jähriger vom Münchner Vorstadtverein TSV Haar in die Jugend des FCB gekommen war und sich dann schon als 18-Jähriger in der ersten Mannschaft immer mehr durchgesetzt hatte, gab es übrigens bis heute nur einen einzigen Nachwuchskeeper des Vereins, der sich nachhaltig durchsetzen konnte: Raimond Aumann, der 1980 als 16-Jähriger aus der Jugend des FC Augsburg damals noch an die Säbener Straße kam. Nach zwei Jahren in der FCB-A-Jugend wurde er im Sommer 1982 hinter dem neu verpflichteten Jean-Marie Pfaff und Manni Müller dritter Torwart. Gleichzeitig verließ Junghans, der nach einer erfolgreichen ersten Saison 1979/80 beim FCB dasselbe Schicksal wie Rensing viele Jahre später erlitt, den Verein.

Und Aumann hatte damals den langen Atem, den die jungen Torhüter heute scheinbar nicht mehr haben! Müller verließ im Sommer 1984 den FCB, Pfaff verletzte sich und so wurde Aumann nach über zwei Jahren Wartezeit mit knapp 21 Jahren die Nummer 1 des FC Bayern (25. August 1984 – 3:1 in Bielefeld) und blieb es – trotz Pfaff! – bis er sich im März 1986 selbst das Kreuzband riss. Insgesamt sechs Jahre lang (1982-88) duellierten sich Pfaff und Aumann um die Position im Bayerntor. Es entwickelte sich daraus eine offensichtlich bis heute andauernde Feindschaft. Den Bayernbossen wurde das schließlich zu bunt und so musste der ältere Pfaff nach der Saison 1987/88 gehen – angeblich auch deshalb, weil seine beiden Fehler im Europapokal-Viertelfinal-Hinspiel gegen Real Madrid dem FCB das Weiterkommen vermasselten. (Bis kurz vor Schluss führte Bayern mit 3:0 im Olympiastadion, Pfaffs Fehler ließen die Königlichen auf 2:3 verkürzen, das Rückspiel im Bernabeu wurde mit 0:2 verloren)

Aumann war dann – mit einigen Verletzungspausen – bis 1994 die Nr. 1 im Bayerntor. Dann verpflichtete der Verein den 25-jährigen Oliver Kahn und der 30-jährige Aumann verließ – als amtierender Deutscher Meister – den FCB Richtung Türkei. Man stelle sich den Fanaufstand darüber heutzutage – lieber erst gar nicht – vor!!

Lieber Sepp,

beim FC Bayern gibt es überhaupt keine Tradition, was den Aufbau von Nachwuchskeepern betrifft! Das müsstest du doch als ehemaliger langjähriger FCB-Keeper und Torwarttrainer von Kahn bestens selbst wissen. Zu den bereits erwähnten 43 Jahren Maier – Kahn – Neuer kommen noch die soeben geschilderten 12 Jahre Aumann/Pfaff dazu. Dazwischen durften sich kurz die Jungen – Junghans, Rensing – beweisen, wurden aber durch Ältere – Müller, Butt – ergänzt bzw. unterstützt und letztendlich verdrängt, bis der FCB wieder Weltklasse einkaufte – Pfaff, Neuer!

Es bleibt spannend, was nach Neuer/Sommer beim Verein passiert. Eventuell wird der Verein in zwei bis drei Jahren so tief wie noch nie für einen Torwart in die Tasche greifen. Ob dieser teure Transfer dann allerdings die Qualität der genannten Weltklasse haben wird, kann bezweifelt werden. Dass ein Campus-Keeper das langfristige Erbe antreten wird, ist eher nicht anzunehmen. Es sei denn ein Früchtl oder Hoffmann macht in der Ferne eine Leistungsexplosion!

PS: Den Sepp Maier, ein Idol meiner Kindheit habe ich übrigens noch nie auf dem Campus angetroffen – anders als zum Beispiel Stefan Effenberg, Michael Ballack oder Dieter Hoeneß 😉


Titelbild: Der Sepp und der Gerd strahlen nach dem Gewinn des Landesmeistercups 1975 um die Wette. Welcher FCB-Keeper wird dies als nächster tun? Yann Sommer wäre sehr schön … 😉

Veröffentlicht von fcbayerntotal

Admin und Autor von FC Bayern Total

2 Kommentare zu „Ein vergesslicher Maier Sepp kritisiert den FCB wegen Sommer-Transfer und Campus

  1. Trotz meiner Kritik an den Campus,muss ich dem Verfasser des Berichtes gratulieren,ein sehr gute Gegendarstellung und ich werde auch nach wie vor meinen FC BAYERN treu sein und die Daumen drücken ,das sie auch weiter so erfolgreich bleiben.
    Viel Erfolg Euer
    Sepp

    1. Sehr gut, sehr nett 😉

      Deswegen bin ich auch als kleiner Junge in der Südkurve im Olympiastadion gestanden und habe beim „Säppää Säppää“ Chor mitgemacht 🙂

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