Wechselchaos in Freiburg – Einspruch – der größte Fehler der Vereinsgeschichte

Ein Kommentar

Was viele nicht für möglich gehalten haben, ist gestern Nachmittag tatsächlich passiert: Der Sportclub aus Freiburg legt wegen „des Wechselfehlers des FC Bayern“ beim DFB Einspruch gegen die 1:4-Niederlage ein. Selbst zahlreiche klarste Statements deutscher Spitzenschiedsrichter, die dem Schiedsrichtergespann die Hauptschuld geben und darauf hinweisen, dass diese wenigen Sekunden auf den Spielausgang nicht die geringste Auswirkung gehabt hätten, konnten die Verantwortlichen aus dem Breisgau nicht davon abhalten. Christian Streichs Statement in der PK nach dem Spiel, in welchem er das „Wechselchaos“ mit dem Bierbecherwurf in Bochum in einen Kontext brachte, war offensichtlich doch schon ein erstes Indiz für diese Vorgehensweise. Seine wohl auch gespielte Unwissenheit ein grandioses Schauspiel, auf welches nicht wenige hereingefallen sind.

Wie der Wortlaut der Stellungnahme zeigt, möchte sich der Sportclub in der ganzen Angelegenheit als Opfer der DFB-Regularien sehen. „Wir befinden uns in einem unverschuldeten Dilemma“. Und man fühle sich in dieser aktiven Rolle „ausgesprochen unwohl.“

Dass man sich angesichts der tatsächlichen Geschehnisse beim Samstagspiel, welches auf dem Rasen ganz klar verloren wurde, und in Anbetracht der langfristigen Auswirkungen – Verlust des Images als „sympathischer fairer Verein“ – unwohl fühlen muss, ist einleuchtend. Die Darstellung der eigenen aktiven Rolle in dieser Posse ist jedoch scheinheilig, heuchlerisch, peinlich.

Wohlwissend, dass die deutsche Fußballgemeinde den DFB generell gerne als „Übel alles Bösen“ im deutschen Fußball sieht, setzt man auf die Karte, auch hier diesem den Schwarzen Peter zuzustecken … Eine sehr durchsichtige plumpe Taktik – dennoch natürlich auch mit Erfolgsaussichten bei nicht wenigen Fans.

Durfte der Sportclub diesen Schritt gehen?

Natürlich. Rein juristisch ist dies der vom DFB vorgegebene Weg in diesem nicht eindeutig geklärten Fall.

Musste er diesen Weg gehen? Nein, nein und nochmals nein. Niemand hat den SC Freiburg dazu gezwungen, diesen moralisch äußerst fragwürdigen Weg zu beschreiten.

Warum hat Freiburg das dennoch gemacht? Wie in zahlreichen Fußball-Stammtisch-Diskussionen (heutzutage geschehen diese in den Social Media) aufgezeigt, muss ein „Wirtschaftsunternehmen“ wohl alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel zum eigenen Vorteil ergreifen. Alles andere wäre fahrlässig!  Wow! Ist das wirklich so? Heißt doch auch im Klartext: Opportunismus, Egoismus stehen weit über Moral, Anstand, Fairness. Muss das im (Profi-)Fußball wirklich so sein? Etwas resigniert könnte man jetzt auf das Spiegelbild unserer Gesellschaft hinweisen …

(Nicht) Überraschend häufig kam in diesem Kontext spontan das Argument, dass der FC Bayern selbst, jeder andere Verein dasselbe getan hätte, hätte tun müssen …

Ich behaupte jetzt einfach kühn, dass es der FCB nicht gemacht hätte. Übrigens hat sich auch Julian Nagelsmann auf der PK vor dem CL Spiel in Villarreal überrascht und sehr enttäuscht vom Freiburger Vorgehen gezeigt. Für mich auch ein Indiz dafür, dass der FCB dieses Vorgehen nicht erwägt hätte. Würde mein Verein in der Zukunft bei einem ähnlichen Fall „Freiburg-like“ handeln, wäre ich zutiefst von ihm enttäuscht. Auch wenn es die Meisterschafts-entscheidenden Punkte wären, würde es für mich so ein Vorgehen nicht rechtfertigen. Keine Freude, sondern eine große Scham wäre die Reaktion meinerseits.

Höchstwahrscheinlich sind diese drei Punkte, um die Freiburg am Grünen Tisch nun so vehement kämpft, tatsächlich keineswegs entscheidend für die 10. Meisterschaft des FCB in Folge. Was aber würden die Freiburger Konkurrenten im Kampf um die Europapokalplätze sagen und machen, wenn diese drei Punkte hier am Ende den Ausschlag geben würden? Könnte da dem DFB eine Prozesslawine drohen?

Tatsache ist, dass der SCF bereits vor dem DFB-Urteil in dieser Causa der große Verlierer ist. Zum einen – auch wenn man leider Gerichten viel (Blödsinn) zutrauen kann – sollte der Einspruch „unter normalen Umständen“ keine Chance haben. Zum anderen hat der SCF mit dieser Vorgehensweise brutalst an Sympathien in Fußball-Deutschland verloren. Gefühlt 80% der Bayernfans hatten immer auch Sympathien für die Breisgauer, dieser Wert sollte sich in eine einstellige Prozentzahl abwandeln. Nicht so unerheblich, wenn man bedenkt, dass es viele Millionen FCB-Fans gibt. Und es werden nicht nur verlorene Sympathiepunkte sein, der Sportclub wird sich im Antipathie-Ranking in der Nähe des BVB einordnen. Die Reaktionen in den Social Media verdeutlichen dies bereits.

Was wäre ein korrekter Weg für den SC Freiburg gewesen?

Juristisch clever ist die erste Begründung für den Einspruch: „Schaffung zukünftiger Rechtssicherheit in vergleichbaren Fällen auch für alle Clubs.“

Soll man da lachen oder weinen. Der SCF opfert sich und geht diesen Weg für all anderen Bundesligisten …

Nur: Das Wechselchaos (vom SCF ebenso bewusst wie fälschlich als „Wechselfehler des FCB“ tituliert) am Samstag war einmalig in der 59-jährigen Bundesligageschichte. Deswegen übrigens auch kein großer Vorwurf an die Regularien. Nicht alles kann geregelt sein. Von welcher „zukünftiger Rechtssicherheit in vergleichbaren Fällen“ spricht der SCF also? Es wurden in den zwei Tagen nach dem Spiel vor allem in den Medien viele Regeln und Paragraphen angeführt, die allesamt nicht diesen ganz speziellen Fall betrafen. „Vergleichbar“ heißt übrigens auch nicht „gleich“.

Die passive Rolle des DFB in dieser Causa kann natürlich auch kein Dauerzustand sein. So hätte Freiburg z.B. sportlich fair auf einen Einspruch verzichten und den DFB dazu auffordern können, das Regelwerk entsprechend nachzubessern. Wie aber schon angedeutet, kann man nicht alle Kleinigkeiten im Regelwerk abdecken.

Immer wieder wird betont, dass ein Proficlub zwar mittlerweile ein mittelständisches Unternehmen ist, zugleich aber auch moralisches Vorbild für die Fans, für die Gesellschaft. Welches Zeichen setzt Freiburg, wenn es ein klar verlorenes Spiel am grünen Tisch in einen Sieg umwandeln will? Und Bayern hat keinen Ausländer zu viel, keinen Amateur 😉 zu viel, keinen nicht spielberechtigten Spieler eingesetzt, sondern es gab ganz kurz ein nicht spielrelevantes Durcheinander…

Der SC Freiburg hat spätestens mit dem Einspruch seine ihm vielleicht sogar zu Unrecht zugesprochene Sonderstellung im deutschen Profifußball verloren. Wie andere Vereine auch ist er ein kühl kalkulierendes Wirtschaftsunternehmen, dem auf dem Erfolgsweg offensichtlich alle erlaubten Mittel recht sind, auch wenn diese moralisch äußerst fragwürdig sind. Unsere derzeitige Gesellschaft fördert leider solche Entwicklungen. Es ist aber definitiv kein Muss, diesen Weg auch konsequent zu gehen. Es gibt übrigens nicht wenige SCF-Fans, denen dieser Schritt des eigenen Vereins peinlich ist – ein Hoffnungsschimmer für die Gesellschaft.

Ich bin mir sicher, dass die Verantwortlichen in Freiburg rückblickend in vielen Jahren zu dem Schluss kommen werden, dass dieser Einspruch ein gewaltiger Fehler war – womöglich der größte der Vereinsgeschichte.

Dazu auch: https://fcbayerntotal.com/2022/04/03/wechselchaos-media-gegacker-aber-auch-enttauscht-von-christian-streich/


Titelbild: Die offizielle Stellungnahme des SC Freiburg zum Einspruch auf Facebook.

7 Kommentare zu „Wechselchaos in Freiburg – Einspruch – der größte Fehler der Vereinsgeschichte

  1. Was denkst du hätte Bayern gemacht, wenn die 1:4 verloren hätte und Freiburg hätte den Wechselfehler gemacht?

    Ich denke 100% Einspruch gegen Wertung mit vielen fragwürdigen Statement von Uli, Brazzo und Titan…

    Sorry für die ehrlichen Worte.

    1. Ehrliche Worte sind immer erlaubt, auch wenn es in diesem Fall enttäuschend ist, welch niedrige Moral generell erwartet wird.

      Darüber (unsere Gesellschaft) habe ich ja ausgiebig geschrieben, genauso habe ich doch eigentlich deine Frage im Text klar und deutlich beantwortet. Hier noch einmal:

      „Ich behaupte jetzt einfach kühn, dass es der FCB nicht gemacht hätte. Übrigens hat sich auch Julian Nagelsmann auf der PK vor dem CL Spiel in Villarreal überrascht und sehr enttäuscht vom Freiburger Vorgehen gezeigt. Für mich auch ein Indiz dafür, dass der FCB dieses Vorgehen nicht erwägt hätte. Würde mein Verein in der Zukunft bei einem ähnlichen Fall „Freiburg-like“ handeln, wäre ich zutiefst von ihm enttäuscht. Auch wenn es die Meisterschafts-entscheidenden Punkte wären, würde es für mich so ein Vorgehen nicht rechtfertigen. Keine Freude, sondern eine große Scham wäre die Reaktion meinerseits.“

      Dazu stehe ich – und auch mein „FCB-Fußballumfeld“.

      1. In diesem den sogenannten Deutschland gibt es keine Moral nicht beim Konzern nicht im Sport und schon garnicht im kleinsten ein Mann betrieb, jeder versucht jeden ein reinzudrücken egal wie wo und wann Hauptsache es wird ein Vorteil generiert armes Deutschland wir sind im Arsch.

      2. Es ist sehr bitter, sich das so einzugestehen, aber es scheint leider die Realität zu sein. Die Argumentationen um das „Wechselchaos“ in Freiburg zeigen das deutlich auf. Es wird von viel zu vielen Seiten der „moralische Worst Case“ angenommen. Wenn man z.B. positiv von seinem eigenen Verein denkt, wird das schon belächelt. Eine traurige Realität. Kaputte Gesellschaft.

    2. Julian Nagelsmann – ein in allen Details großartiger Trainer. Hier der Wortlaut gestern auf der PK:

      „Aus persönlicher Sicht kann ich nicht verstehen, dass Freiburg das macht. Weil sie in den 18 Sekunden, glaube ich, nicht zwei Tore gemacht hätten. Ich persönlich hätte es nicht gemacht, weil ich finde, dass du einen Fehler eines Dritten ausnutzt, um selber vielleicht zu Punkten zu kommen, weil der Druck der Fans oder Sponsoren so groß wird.
      Ich weiß nicht, ob du im November bei der Jahreshauptversammlung dir mit den Sponsoren auf die Schulter klopfen kannst, solltest du international spielen aufgrund der gewonnenen drei Punkte, die du sportlich de facto einfach nicht gewonnen hast. Ich wäre nicht so glücklich, wenn das dann der Fall wäre. Deswegen hätte ich dem Verein klar kommuniziert, dass wir nicht Einspruch einlegen. Am Ende muss es jeder selbst entscheiden.
      Ich habe den Einspruch nicht so erwartet, er hat mich aber auch nicht überrascht. Damit ist das Thema für mich auch beendet.“

      DAS erwarte ich von einem Vertreter meines Vereins. 👍👍👍

      Herr Streich, es gibt jüngere Kollegen, von denen man noch viel lernen kann!

  2. Einspruch ist schon ok. Ist Profisport, allen Romatikern zum Trotz. Und Freiburg kann dann auch nicht jammern, wenn Bayern im Saisonendspurt mal Spieler für die CL schont, selbst wenn es gegen einen CL Aspiranten geht. Und wenn dan die Bayern trotz Einspruch die Punkte behalten, umso besser 😊.

    1. „Leider“ sind ja schon alle Spiele gegen Leverkusen, RB, Hoffenheim und Union gespielt – und der BVB ist dann doch etwas zu weit von Freiburg entfernt …

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